Die Corona-Pandemie ist ausgerufen. Sicherheitsvorkehrungen sind notwendig, um Ansteckungsgefahren größtmöglich zu vermeiden. Unter anderem sind Abstand zum Gegenüber, häufiges Händewaschen und der Verzicht auf Händeschütteln geboten. Die Hände spielen also eine wesentliche Rolle. Sie können gefährliche Virenüberträger sein. Das ist aus medizinischer Sicht so sicher wie das Amen in der Kirche.

Von Händen ging schon immer Gefahr aus, allerdings eine andere. Sie war der Grund, aus dem das jahrhundertealte Begrüßungsritual des Händeschüttelns überhaupt erwuchs. In frühgeschichtlich-kriegerischen Zeiten sollte nämlich die Grußgebärde mit der ausgestreckten, erkennbar unbewaffneten Rechten Friedfertigkeit signalisieren. Wer die offene Hand reichte, konnte darin keine Waffe verbergen. Daraus erschließt sich ein Wesensmerkmal des Handgrußes, das bis heute gilt: die versöhnliche Umgangsform.

Das Ritual des Händedrucks oder Handschlags hat eine lange Tradition und mehrerlei Bedeutungen. Nicht allein Wiedersehensfreude und Abschiedsgruß werden zum Ausdruck gebracht. Seit dem Mittelalter gilt der Handschlag als eine bekräftigende Gebärde nach Abschluss eines Vertrags. Diesen symbolischen Akt beobachtet man bei Staatspolitikern wöchentlich mehrmals in der abendlichen Tagesschau. Selbst wenn asiatische Länder Ausnahmen bilden, ist Händeschütteln in den meisten Teilen der Welt zum allgemein üblichen oder wenigstens akzeptierten Ritual geworden. Spätestens die weltwirtschaftlichen Beziehungen exportierten diese Geste von West nach Ost.

Gleichwohl existieren andere Grußgesten als Ausdruck der Verbundenheit: Den biblischen Bruderkuss samt Umarmung praktizierten die Altkommunisten vor laufenden Kameras. Die Inuit um den Nordpol reiben die Nasen aneinander – ein Schnupperkuss, um den Geruch des Gegenübers aufzunehmen. Die lässigen „High Fives“, der „Fist Bump“ oder die „Ghettofaust“ unter Jugendlichen sowie im Sport demonstrieren Zugehörigkeit und stellen hygienischere Grußvarianten dar. Die beiden US-Demokraten Bernie Sanders und Joe Biden begrüßten sich jüngst bei einem TV-Duell mit den Ellbögen. Diese neue Form der Begrüßung brachte die Corona-Krise hervor. Für rivalisierende Politiker könnte sie allerdings nicht bezeichnender sein.

Um der Ausbreitung des gefürchteten Virus zu trotzen, bedarf es sicherer und alternativer Begrüßungsrituale. Jede Ethnie verfügt über solche. Es sind die verbalen Grußformen. Das aus dem Althochdeutschen „halon“ hergeleitete „Hallo“ mag manchem als leger erscheinen. Das englische „Hello“, eine Abkürzung der Frage „How are you?“ / „Wie geht es dir?“, erscheint der Situation dieser Tage durchaus angemessen. Die Bantusprache der Swahili Afrikas hat dafür das gleichbedeutende Wort „Jambo“. Die Schweizer gewannen aus dem mittelhochdeutschen „grüezen“ ihr liebenswertes „Grüezi“. Mit ihrem charmanten „Küss die Hand“ haben die Österreicher den altmodischen Handkuss sprachlich in die Moderne gerettet. Das „Good bye“ der Engländer als Abkürzung von „God be with you“ setzt auf Gottvertrauen. Das Gleiche ist mit „Behüt dich Gott“, dem bairischen „Pfüadigod“ gemeint. Wir können also auf das Händeschütteln gut und gern verzichten. Wenigstens bis auf weiteres. Habe d‘ Ehre!

MS