Die Edel- oder Esskastanie (Castanea sativa) gehört zu den Buchengewächsen und ist eine uralte Kulturpflanze. Das älteste Exemplar steht in Sizilien an den Osthängen des Ätna – schon 1770 wurde dort ein Stammumfang von sage und schreibe 62 m (!) gemessen, heute haben die beiden verbliebenen Teile in 1 m Höhe immerhin noch einen Durchmesser von je 6 m und das Alter dieses Methusalems wird auf mindestens 2.000 bis 4.000 Jahre geschätzt. Die Baumart kommt ursprünglich aus Südeuropa, Westasien und Nordafrika, aber auch in Bayern gibt es vereinzelt prächtige Exemplare. So zum Beispiel in Landshut im Garten des heute privat genutzten Adelmannschlosses am Hofberg mit einem Stammumfang von 325 cm und einer Höhe von gut 20 Metern. Auch im Hofgarten und am Klausenberg finden sich weitere Esskastanien, die jedes Jahr von eingeweihten Spezialisten besucht werden. Denn sie hoffen, möglichst viele großfruchtige stachelbewährte Früchte zu ernten – die pro Nuss ein bis drei der äußerst kalorienreichen und schmackhaften glänzend rötlichbraune Früchte, die sogenannten Maroni enthalten.

Voll ausgewachsen kann die Baumart eine Höhe von 30 bis 35m und eine Breite von 20 bis 25 m erreichen. Die Blüten produzieren reichlich Nektar, werden sehr gerne von Hummeln, Bienen, Käfern und Fliegen besucht. In vielen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien, England oder Teilen der Schweiz gab es richtige Kastanien-Niederwälder, v.a. zur Schweinemast oder zur Veredlung und Produktion kulinarischer Köstlichkeiten. Für die Verbreitung der Allzweckbaumart sorgten vor allem römische Soldaten und die Winzer für robuste Pfähle in den Weinbergen entlang von Rhein, Nahe, Mosel und Saar.

Im 17. Jahrhundert schrieb der englische Schriftsteller John Evelyn: „Eine Delikatesse für Fürsten und eine die Manneskraft hebende Speise für Landleute. Bei Frauen sorgt sie für eine gesunde Gesichtsfarbe.“ Maroni wurden und werden vielfach verarbeitet: neben der profanen Nutzung als Brennholz zu vor allem bei Allergikern zu sehr beliebtem glutenfreien Mehl, Brot und Frühstücksbrei oder als Geflügelfüllung, Gebäck und zu süßen Nachspeisen wie die berühmten „Marron glacés“ in Frankreich. Und schon bald erfreuen uns die zahlreichen Maronistände in den Innenstädten wieder mit ihrer heißen Ware, deren Duft unbedingt zur stimmungsvollen Adventszeit gehört.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die trockenheitsresistente Esskastanie in Zeiten des Klimawandels 2018 zum „Baum des Jahres“ gekürt wurde. Auch weil sie eine zukunftsfähige Alternative zu Tropenhölzern ist. Freuen wir uns, dass wir auch in Niederbayern noch ein paar prächtige Exemplare besitzen. Und schlaue Förster und kluge Waldbesitzer die Baumart künftig vermehrt pflanzen.

HW