Der NS-Terror wurde an vielen Orten, von zahlreichen Tätern, in mannigfaltigen Formen und in unterschiedlichen Dimensionen vollzogen. Diese Untaten wurden freilich nicht nur jenseits des niederbayerischen Wahrnehmungskreises verübt, sondern ebenso im unmittelbaren heimatlichen Nahfeld. Insbesondere der KZ-Verbund mit seinen zahlreichen Stamm- und unzähligen Außenlagern expandierte unablässig, mutierte von einem punktuellen zu einem flächendeckenden System von unbeschreiblichen und unvorstellbaren Leidens- und Todeszonen. Das KZ-Außenlager Ganacker ist ein Beispiel für eine solche Gewaltstätte gleich vor der eigenen Haustüre.

Als sogenanntes „Endphasenlager“ kennzeichnete das KZ-Außenlager Ganacker ein materiell und organisatorisch überaus hoher Improvisations- und Mangelgrad wie gleichermaßen verwaltungstechnisch und quellenmäßig eine gänzlich unzureichende Dokumentations- und Überlieferungssituation. Kaum Originalakten, überschaubare Ergebnisse verschiedener Ermittlungsverfahren und zum Teil widersprüchliche Aussagen von Zeitzeugen konstituieren ein stark fragmentiertes und äußerst fragiles Quellenfundament. Auf diesem kann nur ein vielfach unter dem Vorbehalt des Konjunktiv stehendes Wissensgerüst konstruiert werden.

Ausgangs- und Bezugspunkt des KZ-Außenlagers war der dortige Luftwaffenstützpunkt nördlich des Dorfes. 1936 eingerichtet und in der Folgezeit sukzessive ausgebaut, diente der Militärflugplatz vornehmlich Ausbildungszwecken. Die Indienstnahme von Strahlenflugzeugen durch die deutschen Luftstreitkräfte ab Mitte 1944 erforderte bauliche Anpassungen der Einsatzhäfen. Im Rahmen des „Silberprogramms“ sollten reichsweit über 100 Flugfelder diesbezüglich ertüchtigt werden. Im ostbayerischen Raum betraf dies im Februar und März des Jahres 1945 die Standorte Obertraubling, Plattling, Kirchham und eben Ganacker. Das anfallende Arbeitsaufkommen sollten jeweils Internierte aus dem Konzentrationslager Flossenbürg bewältigen. Dementsprechend wurden am 20. Februar 1945 rund 500 Häftlinge in Viehwaggons aus der nördlichen Oberpfalz ins zentrale Niederbayern überstellt.

Einstweilen fand eine von einem Drahtverhau umgebene und mit einem Appellplatz versehene zweckentfremdete Flugzeughalle als deren behelfsmäßiges Domizil Verwendung. Erst nach und nach scheinen mit Stockbetten, mit einer notdürftig installierten Küchen- und Krankenabteilung zumindest einfachste und primitivste Daseinsbedingungen geschaffen worden zu sein. Die hygienischen Zuständen waren und blieben trotzdem völlig katastrophal. Vermutlich Ende März 1945 wurde schließlich der Lagerstandort östlich des Flugplatzgeländes an den Rand eines kleinen Waldgebietes verlegt. Im bewaldeten Lagerareal waren feste SS-Unterkunfts- und Funktionsbaracken sowie runde Zeltkonstruktionen, sogenannte Finnenzelte, angesiedelt. Jenseits der Bäume erstreckte sich eine von Stacheldraht und Wachvorrichtungen bewehrte Freifläche. Hier hatte man neben einem Appellplatz über dreißig Erdhütten errichtet, welche sich aus vorgefertigten Holzabdeckungen über stufenförmigen Bodenaushüben zusammensetzten. Bis zu 20 Mann sollten in diesen engen, feuchten, unbeheizten und dunklen Behausungen Obdach finden. Die Unterbringungslage der ohnedies vollkommen unzureichend mit Kleidung ausgestatteten und von Parasiten befallenen Lagerinsassen kam folglich über rudimentäre Ansätze nicht hinaus.

Neben Kälte und Nässe charakterisierten maßgeblich Hunger und Durst die elenden Existenzvoraussetzungen der Internierten. Ohnehin im hierarchischen Rationierungsgefüge der NS-Kriegswirtschaft deklassiert, blieben die kümmerlichen Portionen der Lagerinsassen durch beständige Organisations- und Versorgungsmängel dauerhaft gefährdet. Der Hunger befeuerte immer wieder den überraschenden Einfallsreichtum der ausgezehrten Häftlinge, trieb jene aber desgleichen zu mitunter tödlichen Grenzüberschreitungen im streng reglementierten Lagerkosmos.

Ergänzt wurde das tagtägliche Bedrohungsszenarium durch Krankheiten. Geschwächte körperliche Verfassung und durchwegs hochgradig ungenügende hygienische Vorkehrungen erhöhten die Anfälligkeit für verschiedenste Gebrechen. Darüber hinaus scheinen zeitweise Infektionskrankheiten grassiert zu haben, so wird beispielsweise eine Ruhrepidemie erwähnt. Zwar gab es offenbar ein Krankenrevier mit mehreren Häftlingspflegern; unter diesen befand sich ein tschechischer Arzt, der bereits im Konzentrationslager Auschwitz in gleicher Funktion gewirkt hatte. Der Mangel an fast allen notwendigen Ressourcen limitierte freilich entscheidend die Möglichkeiten zur Linderung von Leid und Leiden.

Zentraler Daseinszweck der Inhaftierten war der Arbeitseinsatz. Gemäß dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“ sollten mit geringstem Aufwand der größte Ertrag erzielt werden. Im Mittelpunkt der Bestrebungen stand die Schaffung einer betonierten Start- und Landebahn, daneben gab weitere anlass- und situationsbezogene Arbeitskommandos. Geleitet wurde das Bauprojekt von der Organisation Todt, einer paramilitärischen Bautruppe. Wie viele der teils gigantischen und oftmals unkoordinierten infrastrukturellen Unternehmungen der NS-Kriegs- und Rüstungswirtschaft, blieb das Vorhaben unvollendet. Die damit einhergehende radikale Ausbeutung verlangte jedoch einen hohen Preis. Das Fehlen jeglicher Arbeitsschutzmaßnahmen, die unerbittliche und schonungslose Überforderung, die konsequente und konstante Überbeanspruchung mündeten unausweichlich in Erschöpfung und Entkräftung, in Verletzungen und Apathie.

Gewalt wurde von den Gefangenen als omnipräsent empfunden. Ausgeübt wurde selbige von der SS-Lagermannschaft, von Kontroll- und Aufsichtspersonal, von aggressiven Funktionshäftlingen. Zum Einsatz kamen Gewehrkolben und Knüppelvarianten, Reitpeitschen und zweckentfremdete Arbeitsinstrumente, Hände und Füße. Bisweilen eskalierte die strukturelle Übergriffigkeit, bekundet wurden ausgesprochen brutale und demonstrativ inszenierte Tötungsvorgänge. Neben physischen Misshandlungen durchdrang allenthalben psychische Grausamkeit die Lageratmosphäre; Willkür und Zermürbung, Entrechtung und Erniedrigung entfalteten unentwegt ihre seelische Zersetzungskraft.

Die nahezu 500 Männer, welche seit Ende Februar 1945 diesem grausamen Lagerregiment unterworfen worden waren, lassen sich fast ausnahmslos identifizieren. Die Zwangsgemeinschaft vereinigte Leidtragende der NS-Herrschaft aus wenigstens 18 verschiedenen Herkunftsländern. Die überwiegende Mehrheit stammte aus dem osteuropäischen Raum, vorrangig aus Polen und war zumeist wegen der Zuschreibung als jüdisch in den Fokus der Verfolgung geraten. Die rücksichtslose Liquidierung der Lager und der restlichen Ghettos im östlichen Besatzungsterritorium seit Herbst 1944 hatten ihre Verbringung ins Deutsche Reich bedingt. Hinzu kamen weitere Häftlingsgruppen: politisch Inhaftierte, internierte Zivilarbeiter, vormalige Kriegsgefangene, sogenannte Berufsverbrecher und Asoziale, während ein Teil der Insassen über eine mehrjährige Lagererfahrung verfügte, standen andere erst am Beginn ihrer Lagerbiographie.

War die Belegungsziffer zunächst durchgängig rückläufig und hatte sich bis zum 13. April 1945 auf 438 reduziert, wuchs die Bestandszahl kurz darauf auf über 1000 Inhaftierte an. Damit ist das KZ-Außenlager Ganacker mit hoher Wahrscheinlich als die zahlenmäßig größte KZ-Stätte in Niederbayern anzusehen. Mit dem Zerfall des KZ-Systems wurden Lagerinsassen von frontnahen in frontferne, von vollkommen überfüllten in weniger überbesetzte Lager verschoben. So wurden Mitte April 1945 600 Männer aus dem hoffnungslos überbelegten KZ-Außenlagerkomplex Kaufering – Stammlager: KZ Dachau – nach Ganacker transferiert. Davon dürfte ein Großteil erst unmittelbar zuvor aus dem geräumten schwäbischen KZ-Außenlager Leonberg – Stammlager: KZ Natzweiler-Struthof – nach Oberbayern transportiert worden sein. Nur einige wenige davon lassen sich benennen.

Der zuvor ansatzweise angedeutete mörderische Lagerbetrieb forderte einen hohen Blutzoll, mindestens 138 Häftlinge überlebten die Gemengelage aus Gewalt und Hunger, Kälte und Nässe, Krankheiten und Zwangsarbeit nicht. Direkte und drastische Mordhandlungen sind zwar bezeugt, die Mehrzahl der Verstorben dürfte gleichwohl den entsetzlichen Lagergegebenheiten zum Opfer gefallen sein.

Verscharrt wurden die Toten anfänglich in abgesonderten Bereichen in den Friedhöfen von Ganacker und dem Gemeindeteil Gosselding, später infolge der Standortverlegung in Einzel- und Sammelgräbern in Lagernähe. Die SS-Mannschaft umfasste 50 Mann. Geführt wurde das Lager von einer kleinen Kerntruppe des Terrors. Aus diesen praktisch erprobten SS-Unterführern rekrutierte sich das Führungspersonal. So hatte sich der Lagerführer SS-Oberscharführer Pohnert vormals im Stammlager sowie in verschiedenen Außenlagern in Leitungsfunktionen bewährt und offenkundig dem gewünschten Täterprofil entsprochen.

Die Wachmannschaft setzte sich unter dem Kommando eines ehemaligen Wehrmachtsfeldwebels vorwiegend aus älteren volksdeutschen Waffen-SS-Angehörigen aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien zusammen. Wachaufgaben übernahmen ebenfalls Luftwaffensoldaten, eingesetzt wurden überdies Diensthunde. Eingebunden in die praktizierte Gewaltkultur waren prinzipiell die Funktionshäftlinge, die gemäß der perfiden SS-Kontroll- und Verwaltungsstrategie von Opfer zu Täter werden konnten und – wie vielfach beschrieben – wurden.

Ende April 1945 erzwang die Kriegslage Evakuierungsmaßnahmen, welche nochmals das Leben der Gefangenen extrem gefährdeten. Selektiert wurde gemäß der Mobilität. Gehunfähige sollten im Lager verbleiben und erschossen werden. Letztendlich blieb dieser Mordauftrag aber unerfüllt, Verbände der 3. US-Infanteriedivision befreiten am 29. April das KZ-Außenlager Ganacker. Marschfähige dagegen wurden in mehr oder weniger großen Formationen unerbittlich auf einen Leidensweg Richtung Süden getrieben. Etliche Häftlinge überstanden den letzten Akt des NS-Vernichtungswerkes nicht. Nach und nach wurden die einzelnen Gruppen von amerikanischen Truppen befreit, für einige endete allerdings dieses Martyrium erst am 3. Mai in der Nähe von Trostberg.

Das verlassene Lagerareal wurde von der hiesigen Bevölkerung geplündert und letztlich im Auftrag des neuen Landrats von Landau dem Erdboden gleichgemacht. Auf Weisung der Besatzungsmacht hatten ehemalige Parteigenossen die Leichen der ermordeten Häftlinge zu exhumieren und bei der ehemaligen Pestkirche St. Sebastian zu bestatten. 1957 wurde auch diese Ruhestätte aufgelöst und die Toten vereinzelt in die Heimatländer, mehrheitlich jedoch auf den Ehrenfriedhof bei der Gedenkstätte Flossenbürg überführt.

Die juristische Aufarbeitung der Vergehen blieb mit zwei Ausnahmen weitgehend folgenlos. Zwei Funktionshäftlinge mussten sich im Rahmen der sogenannten „Dachauer Prozesse“ für Verbrechen im Zusammenhang mit dem KZ-Außenlager Ganacker vor einem amerikanischen Militärgericht verantworten. In einem Verfahren wurde ein Todesurteil gefällt und im Oktober 1947 in Landsberg am Lech exekutiert; der anderen Verhandlung folgte eine Haftstrafe. Weitere konkrete und allgemeine Ermittlungsverfahren resultierten in keinen Anklageerhebungen.

In den Nachkriegsjahren scheinen noch wiederholt Gedenkfeiern arrangiert worden zu sein, zunehmend verblasste indessen die Erinnerung an das unmenschliche Geschehen und fiel fast vollständig dem Vergessen anheim.

Heute finden sich keine Anzeichen mehr hinsichtlich des KZ-Außenlagers Ganacker an den authentischen Orten. Lediglich zwei unaufdringliche und informationsarme Gedenksteine bei der Kirche St. Sebastian weisen gegenwärtig auf die vormalige Nutzung als KZ-Friedhof hin und formieren als offizielle Gedenkstätte. Ein Umstand der unbedingt und umgehend einer Um- und Neugestaltung bedarf.

Christian Pfleger

Abb.: Luftbild 20. April 1945 – Bayerische Vermessungsverwaltung