Ein Spätberufener findet spät seine Bestimmung  

„Walthero cantori de vogelweide pro pellicio v solidos longos“. (Dem Sänger Walther von der Vogelweide für einen Pelzrock 5 Schillinge). Dieser urkundliche Beleg aus dem Jahr 1203 bezieht sich, wie unschwer zu erschließen, auf Walther von der Vogelweide, den bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des Mittelalters. Der Hinweis stammt aus den Reiseabrechnungen des Passauer Bischofs. Es handelt sich dabei um den einzigen urkundlichen Beleg aus dem Leben Walthers. Und der Zusatz „von der Vogelweide“ leitete sich ausschließlich aus dieser Formulierung ab. Offensichtlich weist die urkundliche Anmerkung darauf hin, dass der Passauer Bischof dem Walther eine sehr großzügige Summe für einen Pelzmantel schenkte. Das Ganze spielte sich im österreichischen Ort Zeiselmauer (das liegt in der Nähe von Tulln) ab. Offensichtlich befand sich der Hof des Bischofs auf Reisen. Walther von der Vogelweide war zu dieser Zeit ein sehr geschätzter Gast am Bischofshof. Bei dem großzügigen Bischof handelte es sich um den Passauer Fürstbischof Wolfger von Erla.

Walther von der Vogelweide kennt heute beinahe fast jeder, den Bischof  Wolfger von Erla hingegen kaum jemand. Das ist bedauerlich, denn um 1200 zählte Bischof Wolfger zu den einflussreichsten Personen Mitteleuropas, und zwar sowohl in der katholischen Kirche wie auch als weltlicher Fürst. Wolfger wurde um das Jahr 1135 in dem kleinen österreichischen Dörfchen Erla geboren. Der Ort liegt an der Enns, in der Nähe der Donau und unweit der uralten Stadt Enns. Wolfgers Eltern waren Landadlige und führten den Zusatz „von Erla“ in ihrem Namen. Was Wolfgers Ambitionen im Hinblick auf die katholische Kirche betraf, galt er als absoluter Spätzünder. Zuerst einmal gründete er eine Familie, mit Ehefrau und einem gemeinsamen Sohn. Erst als Wolfger bereits über 40 Jahre alt war, tauchte er in den Urkunden auf einmal als Propst in einem Kloster auf. Ab da ging die steile Karriere des Wolfger von Erla los: Er ging nach Passau, avancierte dort zum Domherrn und galt als wichtigster Vertrauter des damaligen Bischofs. Dieser vertraute dem klugen Mann aus dem niederen Adel, der ungewöhnlich gut mit Menschen umgehen und verhandeln konnte.

Eine steile Karriere – Vom Klosterpropst zum Passauer Bischof

Erst im zarten Alter von über 50 Jahren wurde Wolfger zum Priester geweiht. Dies war die Voraussetzung für den nächsten Karriereschritt: Im Jahr 1191 wählte man Wolfger einmütig zum Passauer Bischof. Er war nun der geistliche Herr über das größte Bistum des Heiligen Römischen Reiches. Seine Diözese reichte weit donauabwärts, auch Wien gehörte noch dazu. Wolfger etablierte sich als Bischof sofort, sein exzellenter Ruf reichte schon bald weit über die Grenzen des Bistums hinaus.

Die Festnahme des englischen Königs Richard Löwenherz – Wolfger von Erlas spektakulärer Verhandlungserfolg

Im Jahr 1192 passierte für Wolfger nun Ungeheuerliches. Das hatte eine Vorgeschichte: Die bedeutendsten Fürsten des Abendlandes kehrten vom Kreuzzug zurück. Im Laufe des christlichen Kreuzzugs waren der englische König Richard Löwenherz und der österreichische Herzog Leopold V. in einen ganz und gar unchristlichen, heftigen Streit geraten. Der österreichische Herzog fühlte sich durch Löwenherz tief gekränkt. Er schwor Vergeltung. Bei der Rückkehr aus dem Morgenland erlitt das Schiff von Richard Löwenherz Schiffbruch. Er überlebte und wollte sich nun auf dem Landweg in seine Heimat durchschlagen. Dabei musste er durch Österreich, das für ihn aufgrund der Rachedrohungen des österreichischen Herzogs Feindesland war. Er floh, in einer primitiven Verkleidung, um nicht enttarnt zu werden. Vergeblich. Er wurde gefangengenommen. Leopold V. ließ ihn in der Veste Dürnstein an der Donau einsperren. Herzog Leopold sah die Stunde der Vergeltung gekommen. Er wollte den gefangenen König erst gegen ein gewaltiges Lösegeld freigeben. Er forderte umgerechnet 23 Tonnen Silber. Diese Summe rief den Kaiser und den Papst auf den Plan. Man musste eine akzeptable Lösung finden. Als Verhandler wurde Wolfger von Erla auserkoren. Schließlich war er als geistliches Oberhaupt für den Donauraum und damit auch für Herzog Leopold geradezu prädestiniert dafür. Wolfger erfüllte tatsächlich die Erwartungen. Er handelte im Frühjahr 1193 einen Kompromiss aus. Der Kaiser war erleichtert. Er wollte nun den genialen Vermittler angemessen belohnen. Deshalb übertrug er ihm die volle Verfügungsgewalt über das Bistum Passau und über das Territorium nördlich von Passau, das bis Böhmen reichte. Früher hatte dieses Gebiet dem Passauer Kloster Niedernburg gehört. Daher auch der Name „Abteiland“. Zwar war der Klosterbesitz schon relativ bald den Nonnen von Niedernburg genommen worden und dem Bistum übertragen worden. Aber die Vogteirechte mit den daraus entstehenden Einnahmen nicht. Ab 1193 hatte nun Bischof Wolfger alle Rechte ohne Einschränkung inne. Also auch über die Zolleinnahmen und Abgaben. Und obendrauf gab es für Bischof Wolfger noch ein „Zuckerl“: Das Bistum Passau wurde zum Fürstbistum erhoben. Und Wolfger stieg zum „princeps“ auf, also zum „Fürstbischof“. Fortan fungierte Fürstbischof Wolfger als Landesherr in seinem „Fürstbistum“. Er war der geistliche und weltliche Herr in seinem Territorium. Die Bewohner des Abteilandes waren ab da über 600 Jahre lang die „Bischöflichen“.

Wolfger beweist Tatkraft – Verteidigungsbastionen gegen Begehrlichkeiten von Konkurrenten und Neidern

In seiner relativ kurzen Amtszeit entfaltete Fürstbischof Wolfger eine Fülle von Aktivitäten. Zum einen war er als Landesherr auf die Sicherung seines Territoriums, insbesondere des „Abteilandes“, bedacht. Noch war die Grenze zu Böhmen nicht endgültig vermarkt, d.h. festgelegt. Das weckte Begehrlichkeiten bei anderen Landesherrn. Von drei Seiten „umzingelten“ Neider und Besitzhungrige Wolfgers Land. Man denke nur an den aufstrebenden Witiko aus Böhmen, oder an die machthungrigen Grafen von Bogen und die streitbaren Grafen von Hals. Man musste sich wappnen! Zum Schutz seines Landes ließ Fürstbischof um 1200 wehrhafte Burgen errichten. Zu nennen sind hier die Burg Fürsteneck an der Ilz und weiter nördlich vor allem die Burg Wolfstein, ursprünglich wohl auch „Wolfkerstein“ genannt. Diese Burg thronte auf einem Felssporn über dem rauschenden Saußbach. Zwar ist die Gründung der Burg Wolfstein durch Wolfger nicht endgültig urkundlich belegt. Aber sowohl der Name wie auch zahlreiche andere Indizien sprechen eindeutig für Wolfger. Zumal er die Burg selbst errichten ließ, sie gehörte ihm. In solchen Fällen war es sehr häufig so, dass keine Beurkundung vorgenommen wurde. Mit den Burggründungen förderte Wolfger auch die Besiedlung des Gebietes hin zu Böhmen. So bildete die Burg Wolfstein letztlich die Keimzelle für die Entstehung des Ortes Freyung.

Das Schloss Wolfstein wurde um 1200 höchstwahrscheinlich von Fürstbischof Wolfger von Erla errichtet. Es diente als Verteidigungsbastion gegen Konkurrenten. Zudem schützte die Burg den damals mit Sicherheit schon bestehenden Handelsweg nach Böhmen, der unmittelbar an der Burg vorbeiführte. Die Burg Wolfstein förderte auch den Landesausbau in Richtung Böhmen. Sie bildete die Keimzelle für den Ort Freyung. Die ursprüngliche Anlage war kleiner als die heutige und hatte noch einen stärkeren Burgcharakter.

Fürstbischof Wolfger als gewiefter Diplomat, Kriegsherr und großzügiger Förderer der Künste

Als hoch angesehener Fürst leistete Wolfger weit über sein Fürstbistum hinaus Enormes in den Bereichen Diplomatie, Verwaltung und Rechtswesen. Zum Papst pflegte er enge Beziehung. Sein Hofstaat und er waren praktisch ständig auf Reisen auf diversen Missionen. Auch an Kriegszügen und einem Kreuzzug beteiligte sich Wolfger. Dabei legte er aber zudem großen Wert auf standesgemäße Repräsentation. Das betraf auch den sehr weltlichen Bereich, Da gab es an seinem Hof ein sehr lustiges Treiben mit Gauklern, Sängern, Spaßmachern, Schauspielern, Messerwerfern und vielem anderen mehr. Andererseits zeigte sich der hochgebildete Bischof als glühender Förderer von Literatur, Kunst und Musik. Und er erwies sich als äußerst großzügiger Mäzen. So förderte er den eingangs erwähnten Walther von der Vogelweide und darüber hinaus noch weitere namhafte Minnesänger. Es gilt zudem als sehr wahrscheinlich, dass das berühmte Nibelungenlied am Passauer Bischofshof entstanden ist, und zwar in Wolfgers Amtszeit. Möglicherweise hat Wolfger das Nibelungenlied sogar selber in Auftrag gegeben. Zwar reklamierte die Stadt Worms am Rhein die Entstehung des Nibelungenliedes für sich. Aber die Belege, die für Passau sprechen, sind zahlreich und höchst überzeugend. Das ist jetzt auch die gängige Meinung der Literaturwissenschaftler.

Ein letzter Karriereschritt – Wolfger wird Patriarch, d.h. Bischof, von Aquilea in Norditalien

Wolfgers so unglaublich produktive Amtszeit als Fürstbischof währte nicht allzu lang. Genau genommen von 1191 bis 1204. Der ehrgeizige Passauer Bischof hatte nämlich noch ein letztes Karriereziel vor Augen: Er wollte Patriarch von Aquilea werden, sprich Bischof dieses Kirchensprengels in Norditalien. Das klingt unspektakulär, aber hatte es in sich: Das war einer der größten Kirchensprengel in Italien und der Patriarch von Aquilea galt als einer der mächtigsten Männer jenseits der Alpen. Im geistlichen und im weltlichen Bereich. Wolfger schaffte sein Ziel im Jahr 1204. Innerhalb der Hierarchie der Katholischen Kirche nahm er nun den zweithöchsten Rang ein, gleich nach dem Papst. Wolfger lebte als Patriarch von Aquilea die meiste Zeit in Grado. Dort ließ es sich aushalten. Wolfger von Erla starb 1218 in Aquilea, im gesegneten Alter von über 80 Jahren. Was für eine Persönlichkeit! Zielstrebig, eloquent, tatkräftig, mutig, diplomatisch, charismatisch und höchst gebildet. Aber auch sehr ehrgeizig und machtbewusst.

Der Mann hat verdient, dass man sich seiner erinnert.

Gerhard Ruhland