Viele Menschen laufen jeden Tag durch Landshut. Sie halten Einkaufstaschen in den Händen oder eine Eistüte. Sie starren in die Schaufenster von Kaufhäusern und Reisebüros. Sie bleiben stehen, um miteinander zu plaudern. Sie alle begegnen auf ihren Wegen Brunnen, Standbildern, Denkmälern und Skulpturen, die Karl Reidel geschaffen hat. Aber sie gehen an ihnen vorbei, ohne sie zu sehen. Und es fällt nicht schwer, Karl Reidel zu übersehen. Seine Werke wollen nicht auffallen. Sie wollen nicht aus dem Stadtbild herausragen. Sie schreien nicht: „Seht her, wie schön ich bin!“ Sie begleiten das Stadtbild und das Leben der Menschen. Kein Künstler begleitet das Leben der Menschen dieser Stadt mit so einer Vielzahl und Vielfalt an Kunstwerken. Seine Kunstwerke bilden das Leben ab: Sie erinnern uns daran, dass wir die Welt mit anderen Geschöpfen teilen und nur eines von vielen sind; so wie der Vogelbaumbrunnen, der in der Nähe Berufsschule Landshut steht, oder der Franziskusbrunnen in Bad Griesbach. Seine Kunstwerke erzählen Geschichten, die eng mit unserer Heimat und deren Geschichte verbunden sind; beispielsweise der Schweigerengel neben der Rieder Brücke in Landshut. Karl Reidels Skulpturen sind Bilder des Menschseins: Sie erzählen von Liebe (Paar im Skulpturengarten in Obergangkofen), Partnerschaft, Gemeinschaft, Lebensfreude, aber auch vom Nebeneinanderherleben (Figurengruppe vor der Sparkasse Landshut), von Mühsal (Sisyphus im Skulpturengarten), Einsamkeit und Streit. Im Grunde wehren sich Karl Reidels Kunstwerke davor in ein Museum eingesperrt zu werden. Sie sind im Lebensraum der Menschen zu Hause, in vielen Gemeinden Bayerns. Aber ein kleines Museum hat sich Karl Reidel doch geschaffen: Den Skulpturengarten in Obergangkofen. Dieser Garten ist eines der schönsten Museen, das man sich vorstellen kann. Auch hier, wie in der Stadt, fügen sich die Skulpturen in ihr Umfeld ein. Sie sind Teil der Landschaft. Sie heben sich nicht von der Natur ab. Sie leben, so wie es der Mensch auch tun sollte – mit der Natur in Einklang. Anders als in einem Museum birgt jeder Wechsel der Jahreszeiten, ja jeder neue Tag, einen neuen Blick auf die mit der Natur verwachsenen Skulpturen.
Karl Reidel hat sich sein ganzes Leben immer und immer wieder mit der Darstellung bestimmter Themen beschäftigt. Und er hat, zum Beispiel für das Thema „Paar“, nach immer klareren, einfacheren Formen der Darstellung gesucht. Das Paar, dem wir im Skulpturengarten begegnen ist in seiner Darstellung ganz klar und einfach. Es ist der thematische Kern der Zweisamkeit, der gerade weil die Details, das Konkrete, wie die Haare, die Augen, die Mimik fehlen (anders als in Entwürfen zu dieser Skulptur, die in die 1950er Jahre zurückgehen) an Klarheit des Ausdrucks gewinnt.
