Noch vor wenigen Wochen, als bekannt geworden war, wie rasant sich das Corona-Virus in China ausbreitet, wurden die dort verhängten Quarantänemaßnahmen hierzulande teils abschätzig beurteilt. Kein Wunder, dass ein autokratischer Staat so handele. Bei uns in Europa sei so etwas nicht notwendig und eigentlich auch kaum denkbar, so der hochmütige Tenor von mancher Seite damals. Der Blick zu unseren nicht-autokratischen Nachbarn wie Italien, Frankreich und Tirol zeigt aktuell, wie unangebracht diese Einschätzungen waren. Ob dieser Lernprozess bzw. dieses Umdenken schnell genug kam, darüber wird momentan trefflich gestritten. Einen britischen Sonderweg wollte Boris Johnson einschlagen, als er die Gegenmaßnahmen absichtlich moderat ansetzte und das alltägliche Leben fast wie gewohnt weiterlaufen ließ. Er wollte damit eine zu starke Unterdrückung des Virus vermeiden. Von diesem Kurs mussten sich die Engländer schnell verabschieden und sind aktuell ebenfalls bei der Umsetzung weitreichender Maßnahmen angelangt.

Wie bedenklich die kulturelle Prägung der Menschen und das sture Festhalten an Gewohnheiten und Bräuchen sein kann, zeigt das Beispiel Iran: Hier setzen sich Strenggläubige über das Verbot hinweg, den Pilgerort Ghom zu besuchen und den dortigen Heiligenschrein zu küssen. Es kann zudem befürchtet werden, dass viele Menschen zum persischen Neujahrsfest am 20. März ihre Familien besucht, in Gemeinschaft gefeiert und das Virus so zusätzlich verbreitet haben.

Doch die Sturheit ist nicht nur in der Fremde daheim. Davon konnte man sich in den vergangenen Wochen auch hierzulande vielerorts überzeugen: In vielen Kaffees und Biergärten saßen die Gäste bei milden Temperaturen dicht gedrängt beieinander. Deshalb hat die bayerische Regierung – quasi autokratisch – weitreichende Verbote beschlossen. So steht es gar nicht erst zur Debatte, dass auf traditionelle Veranstaltungen, Feste und Bräuche wie den Traunsteiner Georgiritt, Regener Osterritt, Osterhofener Rossmarkt oder die Landshuter Frühjahrsdult in diesem Jahr verzichtet werden muss. Die Ironie der Geschichte will es so, dass auch die Oberammergauer Passionsspiele, die aus einem Pest-Gelübde hervorgingen, nun aufgrund einer neuen Pandemie ausfallen und verschoben werden.

Das Beispiel der Passionsspiele zeigt, dass aus Notsituationen heraus Bräuche begründet werden können. Angesichts der krisenbedingt ausfallenden Bräuche kann ein jeder darüber nachdenken, einen neuen, zeitgemäßen Brauch zu begründen. Die Italiener sind hier ein schönes Vorbild. Indem sie von ihren Fenstern und Balkonen aus singen, heben sie die gedrückte Stimmung im Land und pflegen die Gemeinschaft, ohne sich dabei bedenklich nahe zu kommen. Der Möglichkeiten gibt es viele…

LS