Tann ist ein kleiner Ort inmitten des niederbayerischen Hügellandes, auf halbem Weg zwischen Braunau und Pfarrkirchen. Um 900 war an dieser Stelle noch ein großer Tannenwald. Aber bald wurden die Tannen gefällt und Häuser gebaut. Daher stammt auch der Name „Tann“ – und das Wappen ziert passenderweise auch eine grüne Tanne auf rotem Grund. In dem kleinen Örtchen herrschte seit dem 13. Jahrhundert und vor allem im 17., 18. und auch noch im 19. Jahrhundert ein hektisches Treiben. Aber daran erinnert heute fast nichts mehr. Dabei war Tann lange Zeit eines der bedeutendsten und größten Tuchmacherzentren Niederbayerns. Das Segeltuch, das hier aus Leinen hergestellt wurde, war in aller Welt begehrt und wurde beispielsweise bis nach Genua, Venedig und sogar nach Amsterdam geliefert.

Eines Tages, es tobte gerade der Dreißigjährige Krieg, lief der Marktschreiber Ignatius Khradt so schnell er nur konnte in die Kirche: Er wolle den Pfarrer sprechen. Es dulde keinen Aufschub! – Was denn so Dringendes anliege, wollte der Pfarrer wissen. Nun, sagte, der Marktschreiber, die Haare, die auf einem alten Kruzifix, ein Erbstück seines Vaters, aufgeklebt waren, seien gewachsen. Der Pfarrer hielt Ignatius für verrückt. Aber dieser redete so lange auf ihn ein, bis der Pfarrer endlich mit einer Schere die Bart- und Haupthaare vorsichtig stutzte. Und siehe da, die Haare wuchsen von neuem.

Das war der Ursprung für eine der bedeutendsten Wallfahrten Niederbayerns: „Zu Tann tat Gott ein großes Mirakel, dem ehrwürdigen Christusbild wuchsen Haar und Bart, so berichten Chronik und Legende und das gläubige Volk kam in großen Scharen.“, schrieb einst ein Chronist. Es entstand ein regelrechter Wettstreit zwischen Tann und Altötting, zu wem denn die meisten Wallfahrer pilgerten: Zur „Schwarzen Madonna“? Oder doch zum „Herrgott von Tann“? Und wirklich: Zeitweise gelang es sogar Altötting zu überflügeln. Um 1800 pilgerten jedes Jahr an die 40.000 Menschen nach Tann, um dieses besondere Kruzifix zu bestaunen. 12 Priester waren allein für Wallfahrtseelsorge zuständig.

Noch 1840 gab es in Tann 25 Tuchmacher und 16 Weber. So viel wie in keinem anderen Ort Niederbayerns. Aber die Blüte des Örtchens neigte sich bald dem Ende zu. Die kleinen Betriebe waren mit den großen Tuchfabriken, die in Augsburg und Nürnberg entstanden, einfach nicht konkurrenzfähig und auch die Wallfahrt zum „Herrgott von Tann“ konnte sich gegen Altötting nicht behaupten und kam ganz zum Erliegen. Im Jahr 2007 wurde die Wallfahrt behutsam wiederbelebt und erfreut sich zahlreicher Pilger. Sie findet jedes Jahr Mitte September statt, anlässlich des Festtages „Kreuzerhöhung“ (14. September).

 

Christoph Goldstein