Stille Nacht, Heilige Nacht – ein weltumspannender Friedensgruß

Notenblatt "Stille Nacht"
Stille Nacht, Heilige Nacht. Handschrift des Komponisten Franz Xaver Gruber aus der Zeit um 1855. Das Original befindet sich im Salzburger Museum Carolino Augusteum.

Wir singen es alle Jahre wieder am Heiligen Abend, und mit uns etwa 2,5 Milliarden Menschen weltweit in mehr als 300 Sprachen und Dialekten: Stille Nacht, Heilige Nacht – das berühmteste aller weihnachtlichen Volkslieder.
Text und Musik entstanden etwas zeitversetzt und an verschiedenen Orten im benachbarten Österreich. 1816 verfasste der Hilfspfarrer und Dichter Joseph Mohr in Mariapfarr im Lungau im Südosten des Salzburger Landes die sechs Strophen der Originalversion. Die Melodie dazu ersann zwei Jahre später der Komponist und Lehrer Franz Xaver Gruber in Arnsdorf im Flachgau im nördlichsten Teil des Landstrichs. In Oberndorf an der Salzach, an der Grenze zum bayerischen Laufen, erklangen Text und Komposition erstmals gemeinsam. Am 24.12.1818 erlebte „Stille Nacht, Heilige Nacht“ bei der Christmette in der Kirche St. Nikolaus seine Uraufführung. 2018 wird man also das Zweihundertjährige einer zunächst „einfachen Composition“ feiern, deren heutige Popularität ihre Schöpfer wohl in Erstaunen versetzen würde.

Die Verbreitung des Weihnachtslieds setzte schon unmittelbar nach seiner Entstehung ein. Es waren Zillertaler Händler, die zwischen Advent und Lichtmess weit umherreisten, um auf städtischen Märkten ihre Waren feilzubieten. An den Ständen lenkten sie mit bunten Trachten und anrührenden Volksliedern aus der Heimat so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass sich Letztere bald als die eigentlichen Verkaufsschlager erwiesen. Auf diese Weise entstanden im frühen 19. Jahrhundert die berühmten Zillertaler Sängerdynastien Rainer und Strasser. Mit „Stille Nacht“ im Reisegepäck gelangten sie nach Leipzig, Berlin, Paris, London, Sankt Petersburg und trugen das Lied schließlich bis nach Amerika und in die Welt hinaus. Ein erster Faltblattdruck erschien 1833 in Dresden. Damit war die internationale Verbreitung eingeleitet. Im 20. Jahrhundert sorgte Bing Crosby für seine Popularität. 1937 nahm er „Silent Night“ erstmals auf und verkaufte es in ständig neuen Versionen über 30 Millionen Mal. Weit über tausend Tonträger dürften es mittlerweile sein, auf denen das Stille-Nacht-Lied eingesungen wurde, u. a. von Berühmtheiten wie Plácido Domingo oder den Wiener Sängerknaben. Nicht zu vergessen sind die Filme der Jahre 1910, 1934, 1968, 1988, 1997 und 2012, die von der Stille-Nacht-Geschichte handeln. Der heutige Bekanntheitsgrad von „Stille Nacht“ liegt bei 80 bis 100 Prozent – nicht nur in Europa, auch in Amerika, Afrika, Russland, Australien und China.

Die geschickte Vermarktung des Lieds und seiner Geschichte ist die eine Sache. Aber was spricht für seine Bedeutung und Beliebtheit? Nun, im Zuge der Aufklärung wurde auch die Kirchenmusik reformiert. Damit war eine wesentliche Voraussetzung für deutschsprachiges Liedgut im Gottesdienst geschaffen worden. Auch historisch-politisch betrachtet hätte es keinen passenderen Zeitpunkt gegeben: Das Stille-Nacht-Lied entstand wenige Jahre nach den Napoleonischen Kriegen, die über Europa hinwegfegten, ganze Landstriche verwüsteten und die Bevölkerung in Not und Elend stürzten. Dementsprechend groß war die Sehnsucht nach Frieden. Eben diese Sehnsucht bringt die schlichte Pastorale von der Stillen Heiligen Nacht zum Ausdruck. Hinzu kommen musikalische Aspekte: Die eingängige Melodie mit der Wiederholung von Tonfolgen, die gut singbare Tonlage, der gefällige Wiegenlied-Rhythmus sowie die einfache Zweistimmigkeit, die dem kollektiven Musikverständnis des bayerisch-alpenländischen Raums traditionsgemäß entgegenkommt. Nicht zu vergessen ist das beglückende Erlebnis gemeinsamen Singens. In hochemotionalen Momenten wie etwa am Ende der Christmette bewegt es die Herzen – nicht zuletzt weil wir uns in der Gemeinschaft friedfertiger Menschen geborgen fühlen dürfen. „Stille Nacht“ macht’s möglich.
In diesem Sinne friedliche, frohe Weihnachten!

MS

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

KULTURHEIMAT freut sich auch über kritische Kommentare, solange sie konstruktiv und sachlich sind. Ein Recht auf Veröffentlichung gibt es nicht. Die Redaktion behält sich sinnwahrende Kürzungen vor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*