Zur Kultur gehört auch die Landschaft. Oft als Kultur-landschaft bezeichnet, obwohl das eigentlich ein weißer Schimmel ist: Landschaft ist von Menschen gedacht und gemacht – eine Kopfgeburt. Das zeigt schon die Silbe -schaft; sie bedeutet: vom Menschen gemacht und geschaffen. Kultur-landschaft und ihr Gegenpart, die Natur-landschaft, sind gar nicht so leicht voneinander abzugrenzen. Der menschliche Einfluss auf die Natur ist oft nicht bekannt oder nicht mehr sichtbar.

Mitte März mussten Wirtschaft, Kultur, öffentliches Leben und Konsum eine Vollbremsung hinlegen. Draußen war es sonnig und warm und so haben sehr viele Menschen Gelegenheit gehabt, ihrer unmittelbaren Umgebung neu zu begegnen. Die Luft war klarer und gesünder, Flugzeuge und  Autoverkehr haben geschwiegen. Die Vogelwelt aber hat so vernehmlich und fröhlich gezwitschert und gebalzt wie angeblich seit Langem nicht mehr. Oder wie es Bernhard Setzwein im vor wenigen Wochen erschienenen Tagebuch „Das gelbe Tagwerk“ ausdrückt, „Da werden eure Ohren Augen machen!“ Haben wir die Vögel bisher einfach überhört?

Der Gründungsdirektor des Naturkundemuseums Bayern, Michael John Gorman, ruft gerade alle im Lande dazu auf, für das Projekt „Dawn Chorus“ möglichst viele balzende Vogelstimmenaufnahmen mit dem Handy aufzunehmen und an die entsprechende Plattform zu schicken (https://dawn-chorus.org/mitmachen/). Dank einer möglichst breiten bürgerschaftlichen Beteiligung – neudeutsch „Citizen-Science-Project“ genannt – sollen aktuelle Daten für die Forschung gesammelt und die Öffentlichkeit für das dramatische Artensterben sensibilisiert werden. „Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang hört man das schönste Konzert, das war auch für mich ein neues Erlebnis“, sagt er. Auch seine kleinen Kinder sind begeistert, als kleine Forscher auf Stimmenfang zu gehen.

Und so kommt es vielleicht auch zu einem Perspektiven- und Lebensstilwechsel; oder gar zu einem stärkeren Engagement für die Erhaltung der Reste einer Kulturlandschaft, die wir so gerne als unsere Heimat bezeichnen.

HW
Foto: Johannes Selmansberger