Nackt liegt das Land unter der Aprilsonne, nackt und braun. Nur da und dort sprießen jugendlich die Halme des Wintergetreides, Weizen, Gerste, selten Roggen, zart wie Flaum. Die meisten Äcker sind noch leer, sie sind aber schon bestellt. Ihre Furchen sind geglättet. Man hat sie gut eingeodelt: Mit Schleppschuh- und Schlitzverteilern hat man wieder Energie in die Erde gepresst. Jedes dieser Felder ist ein Motor, dessen Tank immer wieder vollgepumpt werden muss, damit er weitermacht. Nicht einmal ein halbes Jahr brauchen diese Felder, um Pflanzen in die Höhe zu trimmen, höher als Hünen. Mais wird bis zu drei Meter hoch.

Für die Bauern scheint Mais immer noch heilbringend zu sein, obwohl Agrarpropheten schon vor Jahren einen Rückgang der Maisanbauflächen vorhersagten. Laut Proplanta, einem landwirtschaftlichen Informationsportal, wurde in Deutschland im vergangenen Jahr auf einer Fläche von 2.670.632 Hektar Mais angebaut.

Zweimillionensechshundertsiebzigtausendsechshundertzweiunddreißig, eine unfassbare Zahl. Fast drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. Bayerns Maisfläche war mehr als eine halbe Million Hektar groß. Körnermais, Silomais, Biogasmais – der Anbau ist profitabler als bei allen anderen Getreidesorten. Zumindest kann man davon ausgehen, dass die Landwirte nicht primär die Landschaft verschönern oder ihre Böden verwöhnen wollen, wenn sie Ende April Mais säen und die Felder dann mit Herbiziden behandeln.

Ein österreichischer Auktionator, der früher in der Agrarbranche tätig war, hat mir mal erzählt, dass diese chemischen Pflanzenschutzmittel oft gar nicht nötig wären und die Bauern sich viel Geld sparen könnten, wenn sie hin und wieder das Mikroklima auf ihren Feldern prüfen würden statt gleich zu spritzen. Aber sie vertrauten lieber der Chemie als den Messgeräten, sagte der Österreicher. Er habe dann die Geduld verloren. Heute versteigert er erfolgreich altes Kunsthandwerk und historische Uniformen.

Von Straßen und Wegen aus betrachtet wirken Maisfelder wie Mauern. Sie machen ganze Gegenden zum Labyrinth. Das ist noch der kulturellste Aspekt, der mir zum Maisfeld als Produkt unserer Kulturlandschaft einfällt. Die Kulturlandschaft und die Landeskultur haben sich über Jahrhunderte entwickelt. Mit dem Mais, dem geldsegenspendenden Ackergiganten aus Lateinamerika, sind wir nun fraglos bei einem Extrem angelangt. Auch wenn er das Land prägt wie kaum eine andere Kulturpflanze, ist er kein echter Bayer, sondern ein Neophyt, eine eingeführte Pflanze aus Lateinamerika.

Mit seinem irrwitzig schnellen Wachstum in eine ebenso irrwitzige Höhe für ein Getreide symbolisiert er den eklatanten Wandel – manche sprechen von Niedergang – in der Landwirtschaft, ausgerechnet in der Branche, die Landeskultur maß- und stilgebend verantwortete. Denn ohne Bauern wären Bayerns Fluren unkultiviert. Andererseits fragt sich, wie profitabel Kultur unbedingt sein muss. Und spielen die Böden auf die Dauer mit? Das Absurde am Mais ist, dass er auf landwirtschaftlichen Flächen oft zur Energieerzeugung produziert wird und gleichzeitig Soja aus Südamerika importiert werden muss, um heimische Viehbestände zu füttern.

Das menschliche Auge gewöhnt sich an die Monotonie der Maisfeldschluchten, doch schöner werden sie dadurch auch nicht. Für Hasen sind Maisfelder tödliche Fallen und somit eine wahre Landeskulturkatastrophe. Wo sie dem Fuchs auf der Wiese locker entkommen, indem sie zackig ein paar Haken schlagen, hat er sie im Maisfeld schnell eingeholt. Ob Hasen, Rad- oder Autofahrer, wir sollten die Zeit und den Blick in die Ferne noch genießen, solange der Mais kurz ist wie Klee.

Andererseits, wenn wir das ganze Jahr immer den gleichen unverstellten Blick hätten, wer weiß, ob wir ihn dann zu schätzen wüssten. So gesehen ist der Mais gar nicht mehr wegzudenken. Also dann: wachsen! Und zwar schnell!

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