Der 3. April des Jahres 1942 war ein kalter Frühlingstag. Es war ein stiller Tag, denn es war Karfreitag. Die Geschäfte in der Stadt Landshut hatten geschlossen. Unbemerkt von der Landshuter Öffentlichkeit machte sich das Landshuter Ehepaar Wittmann mit seinen drei Kindern der 21-jährigen Luise Lotte, dem 18-jährigen Hans und der 16-jährigen Gertrud, auf den Fußweg von der Inneren Münchener Straße 12 in die Altstadt. Die fünf trugen Gepäck mit sich. Es war nicht viel. Jeder hatte einen Rucksack umgeschnallt oder trug einen Reisekoffer in der Hand. Auf ihrer Kleidung hatten alle einen gelben Stern. Es war der Judenstern, den das NS-Regime am 15. September 1941 durch eine Verordnung eingeführt hatte. Mit dieser Kennzeichnung sollten die Juden in der Öffentlichkeit für jeden erkenntlich sein und so endgültig stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Das Ziel des Fußmarsches der Familie war das Landshuter Rathaus. Dort befanden sich die Büros der Kriminalpolizei, wo sich die zu deportierenden Menschen einzufinden hatten. Nur wenige Tage zuvor stellten die Behörden den Wittmanns ihren Deportationsbescheid zu. Kurz vor der Deportation schrieb die jüngste Tochter, Gertrud Wittmann, ihrer Chefin Hilde Hofer, der Inhaberin eines Damenhutgeschäfts in Landshut, einige Zeilen des Abschieds:

„Meine liebe Frau Hofer,
Nochmals herzlichen Abschiedsgruß an alle Ihre Lieben sendet Ihnen Ihre Trudl. An Alle die im Geschäft recht herzliche Grüße
Recht herzliche Grüße von meinen lieben Eltern und Geschwistern. Ich bin so traurig.“

Zusammen mit sechs anderen Landshutern wurde die Familie auf einem 989 jüdische Menschen umfassenden Transport von München über Regensburg in das Ghetto Piaski bei Lublin gebracht. Fünf andere jüdischen Landshuter, die in der Seligenthalerstraße Nr. 60 wohnten, fanden sich nicht zur Deportation im Rathaus ein. Aus Verzweiflung um das Bevorstehende wählten die fünf den „Flucht in den Tod.“, d. h., sie nahmen eine Überdosis Schlaftabletten und drehten zusätzlich „zur Sicherheit“ noch den Gashahn auf.

In Piaski verliert sich dann die Spur der Familie Wittmann. Wie lange dort das Martyrium der Familie dauerte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Spätestens im Herbst 1942 dürfte jedoch keiner mehr am Leben gewesen sein. Entweder starben die Familienmitglieder schon im Ghetto, wo die Lebensumstände katastrophal waren und Infektionskrankheiten grassierten, oder sie wurden im Vernichtungslager Belzec durch Motorabgase ermordet. Zu Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten gab es 48 jüdische Bürger in der Stadt Landshut. Durch die zunehmenden Repressalien emigrierten 26 Landshuter Juden vor Kriegsbeginn 1939. Die noch in der Stadt Verbliebenen wurden von den Nationalsozialisten ermordet oder sie setzten ihrem Leben selbst ein Ende. Zum Schicksal der Angehörigen der Familie Wittmann vermerkte das Einwohnermeldeamt Landshut auf der Meldekartei nur lapidar „unbekannt verzogen“.

Lange Zeit waren die traurigen Geschichten der Landshuter Juden im Nationalsozialismus weitgehend vergessen. Dies änderte sich mit dem 29. März 2011. An diesem Tag beschloss der Landshuter Stadtrat einstimmig, auf Anregung einer Schülerarbeitsgruppe des Hans-Leinberger-Gymnasiums, die Verlegung von Stolpersteinen für jüdische NS-Opfer in Landshut.

Das vom Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufene Stolpersteinprojekt gilt als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Die Stolpersteine liegen mittlerweile in mehr als 1.265 deutschen Kommunen und in einundzwanzig Ländern Europas. Sie sind vom Künstler individuell gefertigt, haben eine markante Messingoberfläche und tragen die Namen und die Lebensdaten der Menschen, an die sie erinnern sollen. Demnigs Anliegen ist, die Menschen und ihre Schicksale in Erinnerung zu rufen und zwar dort, wo sie zuletzt wohnten oder arbeiteten. Er zitiert den Talmud: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“.

Seit dem Jahr 2011 sind nun vier mal in der niederbayerischen Hauptstadt Stolpersteine verlegt worden. Diese Verlegungen wurden immer wieder von Gruppen der Landshuter Schulen begleitet oder sogar initiiert.

Zur Vermittlung der Schicksale, die sich hinter den einzelnen Stolpersteinen in Landshut verbergen, erstellte zwischen den Jahren 2016 und 2018 ein P-Seminar des Gymnasiums Seligenthal unter der Leitung von Herrn Michael Menauer berührende Hörbilder. Die Audiobeiträge können unter folgendem Link über die Homepage des Gymnasiums Seligenthal abgerufen werden: https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037

Im Zuge der Verlegung der Stolpersteine etablierte sich auch ein Verein namens „Stolpersteine für Landshut e.V.“ in der Stadt. Dieser hält regelmäßig Vorträge, Lesungen und Filmvorführungen an den betreffenden Gedenktagen ab.

MT
Foto: Alexander Langkals