Über die Auszeichnung zum „Baum des Jahres 2020“ sind die Fachleute bereits in Streit geraten. Wie kann man einen blinden Passagier aus der neuen Welt, der zuerst vor 400 Jahren, wie man sagt, vom französischen Botaniker Jean Robin in Paris gepflanzt worden ist, in die Walhalla der deutschen Botanik aufnehmen? Dagegen könnte man einwenden, die langen, prächtigen Blütentrauben, den Duft von Bergamotte verströmend, scheinen die Bienen magisch anzuziehen und das Altholz ist ein Paradies für seltene Käfer wie den Eremit, den man auch Juchtenkäfer nennt.

Die Robinie, sie trägt auch den Namen Scheinakazie (Robinia pseudoacacia), ist zu Anfang ein Objekt botanischer Liebhaberei gewesen, das Parkanlagen einen Hauch von Exotik verleihen sollte. Aber ihr schneller Wuchs, ihr anspruchsloses Wesen hat ausgelaugte und verödete Landstriche und Wälder schnell wieder belebt. Diese sehr nährstoffarmen Standorte sind heute allerdings so selten geworden, dass gerade dort die äußerst konkurrenzstarke Baumart stört, weil sie die schützenswerten Arten der empfindlichen Biotope zu verdrängen droht.

Über dem krummen Stamm, dessen Rinde von Furchen durchzogen ist, wölbt sich die spärlich belaubte Krone. Vorsicht, die Robinie sticht! Die Äste sind mit stacheligen Dornen besetzt und an den langen, eleganten Stielen sind, wie Perlen, viele kleine, eiförmige Blättchen aufgereiht. Für uns Menschen sind Rinde, Blätter und Samen stark giftig. Die Rinde enthält zahlreiche für die Pharmazie wertvolle Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, Flavonide, Gerbstoffe oder Glycoside und das Robinin. Der blassgelbe, fruktosereiche und glukosearme aus dem Robiniennektar gewonnene Blütenhonig bleibt deshalb immer flüssig und schmeckt köstlich.

Das Holz ist dichter und härter als das der Eiche und fault kaum, dank der Gerbsäuren. Für Pfosten, Zäume, Außenmöbel und Spielplatzgeräte ist das langlebige Holz der Robinie wie geschaffen. Das Wachstum des Baumes ist in der Jugendphase außergewöhnlich rasch und übertrifft mit einer Wuchsleistung von 14 m³ pro Jahr fast alle anderen Laubbäume. Trotz des hohen Brennwertes beträgt der Anteil von Robinien in deutschen Wäldern aber lediglich 0,1 %. Denn der Forstwirt schätzt eher gerades, möglichst astfreies Holz, das die Robinie nicht zu liefern im Stande ist. Bei den Landwirten hingegen keimt das Interesse für die Robinie. Sie wächst schnell und ihr Holz eignet sich hervorragend als Biomasse.

Den Klimawandel steckt die Robinie locker weg. Hitze, Frost, Trockenheit und Salz können ihr nichts anhaben. Für die dreckige Stadtluft ist sie ein Segen. Dank des dichten, kräftigen Wurzelsystems hält die Robinie bröckelnde Böschungen, Dämme und Hänge.

HW
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