Im Rennen um den begehrten 1. Platz für das Tier des Jahres hat der Igel seine Verfolger Eichhörnchen und Rotfuchs abgehängt. Der Bestand des einst so häufigen Nagers ist seit 1976 um 80 % zurückgegangen. Warum? Die Deutsche Gesellschaft für Wildtierschutz (DWS), die die Auszeichnung alljährlich vergibt, führt als Hauptgründe auf: menschliche Bedrohungen durch immer mehr Schottergärten und Gifte wie das allseits beliebte Schneckenkorn. Auch der dramatische Verlust von wilden Ecken in Gärten und der Feldflur setzt dem Wildtier massiv zu und hat dazu geführt, dass die Art jetzt bereits auf der Vorwarnstufe der bedrohten Tierarten gelandet ist. Alljährlich werden auch zahllose Igel von Autofahrern überfahren, die mit überhöhter Geschwindigkeit ihrem Leben ein jähes Ende setzen.

Im natürlichen Lebensraum wie lichten Wäldern, nährstoffarmen Grasländereien und naturnahen Gärten findet der Igel jedoch genug Nahrung und Unterschlupfmöglichkeiten, um seinen Winterschlaf in Laub- und Reisighäufen antreten zu können. Bereits in der Antike hielten sich die Menschen Igel als Haustiere und in der mittelalterlichen Literatur und Kunst gelten sie als schlau, durchtrieben oder gar dämonisch. So soll der Igel den Teufel symbolisieren, der sich im Weinberg des Herrn herumtreibt und sich möglichst viele Früchte – also gläubige Christen – rauben möchte. Dabei begnügt sich die Art auf ihren oft kilometerlangen nächtlichen Raubzügen neben Insekten mit Fröschen, Mäusen oder auch Schlangen. Soweit diese überhaupt noch zur Verfügung stehen. Und wenn ein nachtaktiver Mähroboter seine chaotischen Runden dreht, gerät so mancher Igel unter die scharfen Messer.

Aktuell setzt der Klimawandel mit seinen heißen Sommern, dem Insektensterben und trockenen Böden dem Igel neben den bereits oben erwähnten menschlichen Nachstellungen besonders zu. Doch was könnte der dezimierten Population wieder auf die Beine helfen? „Igel mögen wilde Ecken, in denen sich Insekten, Regenwürmer und Spinnen tummeln. Laub und Reisig dienen als Versteck, undurchlässige Zäune und Mauern behindern sie hingegen“ schreibt die DSW. Auch von den immer noch beliebten Milchschälchen rät die Organisation ab. Besser wären hingegen ein Mix aus Katzenfutter, Weizenkleie oder Haferflocken, falls natürliche Nahrungsquellen fehlen.

Und in der Kulturlandschaft? Dort wäre ein Umdenken in Richtung einer neuen Landwirtschaftspolitik mit der Anlage und Wiedervernetzung von Kleinstrukturen über neue Hecken, Gehölzbestände und artenreiche Grasfluren das Gebot der Stunde. Um sich dort im Sommer verstecken und seinen Nachwuchs zur Welt bringen und ab November seinen Winterschlaf antreten zu können. Das würde nicht nur dem Igel, sondern zahllosen anderen Tier- und Pflanzenarten ein Überleben sichern. Das neue Motto muss lauten: Flurbereicherung statt Flurbereinigung. Die Ämter für Ländliche Entwicklung legen dafür aktuell auch Pilotförder-Projekte auf.

Helmut Wartner
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