Wer kennt ihn nicht, den „König des Waldes“? Den Hirsch mit seinem imponierenden Körperbau, seiner majestätischen Haltung, seiner ihm zugesprochenen Klugheit, Kraft und Schnelligkeit. Er war nicht nur ein begehrtes Jagdobjekt für den Adel, sondern auch ein gefragtes Bildmotiv. Viele Jagdgenrebilder stellen den Hirsch verfolgt von Hunden, im Kampf oder eben in der für ihn charakteristischen Brunstzeit als „röhrenden Hirsch“ dar.

Das Motiv des röhrenden Hirschs geht auf Gemälde des bekannten englischen Tiermalers Sir Edwin Landseer (1802-1873) zurück. Das Grundsujet der deutschen Hirschmalerei zeigt einen Hirsch in offener Landschaft am Waldbach oder auf der Höhe in kühler Herbstluft mit dampfendem Atem röhrend, also brüllend. Dieses profane über den jagdlichen Kontext hinausreichende Bildthema wurde etwa durch Familienzeitschriften wie der „Gartenlaube“ verbreitet und einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt. Die von den Kunstverlagen in großen Mengen und günstig produzierten Farbpostkarten vom röhrenden Hirsche kamen ab 1870 in Mode und gaben die Motive bekannter Jagdmaler wieder. Diese reinen Tierabbildungen kamen als Wandschmuck den beliebten Jagdtrophäen der Zeit nahe.

Was heute ein Inbegriff für Kitsch und Kleinbürgertum ist, galt seit der Wilhelminischen Epoche als „in“. Aber warum war dieses Tiermotiv über Jahrzehnte so populär? Zum einen waren die vor alpiner Kulisse dargestellten Hirsche Ausdruck einer unbestimmten Natursehnsucht und damit ein Gegenbild zur technisch-industriell geprägten Wirklichkeit. Zum anderen erweckte das Bildmotiv erotische Fantasien. Mit seinem mächtigen Geweih weist der Brunfthirsch sowohl auf eine männliche Dominanz und Potenz hin als auch auf eine traditionelle Auffassung, wonach die Hindin (Hirschkuh) im Konkurrenzkampf erobert werden muss. Diese männlich-sexuelle Zuschreibung scheint eher neueren Datums zu sein, da der Hirsch ursprünglich die christlichen Tugenden der Reinheit und Frömmigkeit verkörperte. Dass nicht andere Tiere wie Löwe oder Bär von den Künstlern als Bildmotiv gewählt wurden ist eng mit der hohen Popularität des Hirsches verbunden. Schließlich gehörte der Hirsch längst zur typischen Ikonographie des Jagdgenres. Ein weiterer Grund der Beliebtheit dieses Genres ist in der adligen Aura, die der Jagd noch lange anhaftete und im Wunsch nach sozialer Nachahmung zu sehen.

Bis in die 1960er Jahre zierte der röhrende Hirsch als Sofabild die Wohnzimmerwände vieler Haushalte. Der zumeist in Gold gerahmte röhrende Hirsch wurde zum Stereotyp deutscher Wohn- und Bildkultur.

Und heute schmückt der mit Geweih gekrönte Hirsch vielfach überflüssige Dinge. Man denke an Hirschgeweihe oder andere Jagdtrophäen aus Plüsch, Glitzer verzierte Wildtierköpfe aus Kunststoff, Resopal Brettchen mit Hirschmotiv oder an das Kultgetränk Jägermeister. Im Vordergrund stehen weniger religiöse Hintergründe als modernes Wohnambiente, gute Laune und Partystimmung. Kurzum: Der Hirsch erobert sich neue Räume.

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Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Christoffer_Drathmann_R%C3%B6hrender_Hirsch_und_Rehe_am_Waldrand.jpg