Ein scharfer Schmerz fährt durch den Kiefer, der Bader setzt die Zange an. Ein kurzer Ruck, dann ist der Zahn draußen. Solche Szenen gehörten in der Frühen Neuzeit zum Alltag in Dörfern und Städten. Wenn Menschen krank waren, sich verletzten oder unter Zahnschmerzen litten, wandten sie sich nicht zuerst an einen studierten Arzt, sondern an den Bader vor Ort. Krankheiten sind seit jeher Begleiter der menschlichen Existenz. Schon früh versuchten Menschen mit mehr oder weniger medizinischen Kenntnissen, Leiden zu lindern und Heilung zu ermöglichen. Im Laufe des Mittelalters bildeten sich daraus feste medizinische Berufe heraus: Ärzte, Apotheker, Hebammen und die Bader. Unter die Berufsbezeichnung „Bader“ fielen dabei nicht nur die Betreiber von Badestuben im engeren Sinn, sondern ebenso Barbiere und handwerklich ausgebildete Chirurgen.
Die Hauptaufgabe der Bader lag in der Behandlung äußerer Krankheiten und Verletzungen. Innere Leiden durften sie nicht therapieren. Dies blieb den akademisch ausgebildeten Ärzten vorbehalten. Zu den einfachen Tätigkeiten des Baders zählten das Rasieren, Haareschneiden, das Zubereiten von Bädern sowie äußerliche Heilmaßnahmen wie Aderlassen oder Schröpfen. Anspruchsvoller waren das Versorgen von Wunden, das Ziehen von Zähnen, die Behandlung von Eingeweidebrüchen oder Blasensteinen, das Einrichten und Schienen von Knochenbrüchen und Verrenkungen sowie schließlich auch Amputationen. Zur Unterstützung der Heilung und zur Linderung der Schmerzen verabreichten die Bader selbst hergestellte Wund- und Linderungstränke, was ihnen in begrenztem Rahmen erlaubt war. Wie andere handwerkliche Berufe auch erlernte man das Baderhandwerk im Rahmen einer Lehre. Im Mittelalter begann die Lehre meist im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, ab dem 16. Jahrhundert verschob sich der Eintritt in die Lehre auf etwa sechzehn bis achtzehn Jahre. Nach Abschluss der Lehrzeit folgte eine mehrjährige Wanderschaft. Den Abschluss bildete eine Meisterprüfung, die vor einem amtlichen Ärztekollegium in einer größeren Stadt abzulegen war.
Für die ländliche Bevölkerung stellten die Bader, nach der Selbstbehandlung innerhalb der Familie, die wichtigste medizinische Anlaufstelle dar. Akademisch ausgebildete Ärzte praktizierten fast ausschließlich in größeren Städten und Märkten. Statistische Erhebungen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigen, dass im Gebiet des später aufgelösten Rentamts Landshut, das etwa die Hälfte Niederbayerns sowie Teile Oberbayerns um Erding und Neumarkt-Sankt-Veit umfasste, rund 271 Bader auf 236.760 Einwohner kamen. Damit hatte ein Bader durchschnittlich etwa 874 Menschen zu versorgen. Vergleichbare Verhältnisse herrschten auch in anderen bayerischen Rentämtern: Im Rentamt Straubing, das große Teile des Bayerischen Waldes umfasste, betreute ein Bader im Schnitt 1.086 Einwohner. Seit dem Spätmittelalter gerieten die Bader zunehmend in Konkurrenz zu den städtischen Apotheken, da sie innerlich wirkende Arzneimittel herstellten. In Städten mit ansässigen Apothekern wurde ihnen die Arzneimittelabgabe daher nach und nach verboten. Zum Schutz ihres Berufsstandes durften Bader Handapotheken nur in Orten führen, in denen keine öffentlichen Apotheken bestanden. In Städten war es ihnen lediglich erlaubt, Pflaster, Salben, Kräuter, Wundtinkturen und Umschläge zur äußeren Behandlung bereitzuhalten. Besonders konfliktträchtig wurde die Situation, wenn ein Bader in der Bevölkerung hohes Ansehen genoss und Ärzten sowie Apothekern spürbare Konkurrenz machte. In Landshut etwa belieferte der Bader Johann Holzapfel im Jahr 1732 die städtischen Armenhäuser mit Arzneimitteln, sehr zum Missfallen des Apothekers Markus Funk. Die kurfürstliche Regierung sah sich wiederholt zum Eingreifen gezwungen und untersagte schließlich Holzapfel die Arzneimittelabgabe. Für Ärzte und Apotheker galten die als „Medizinalpfuscherei“ bezeichneten Tätigkeiten der Bader lange Zeit als Ärgernis. Trotz gesetzlicher Regelungen im 18. Jahrhundert ließ sich dieses Problem kaum eindämmen. Der Bedarf an medizinischer Versorgung war groß, während akademisch ausgebildete Ärzte nur in geringer Zahl zur Verfügung standen. Für viele Kranke blieb der Gang zum Bader daher die einzige realistische Möglichkeit. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich diese Situation grundlegend, als Medizinalreformen griffen und sich Ärzte und Apotheken flächendeckend verbreiteten.
Dr. Mario Tamme
Abbildung: Der Dorfbader beim Ziehen eines Zahnes. Gemäde von Adriaen van Ostade aus dem Jahr 1637 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adriaen_Van_Ostade_-_Barbier_de_village_arrachant_une_dent.jpg
