Kurz nach der Gründung des Straubinger Elektrizitätswerkes 1901 setzte ein „Stromboom“ ein. Die Straubinger, Privatleute und Gewerbetreibende, erkannten bald die Vorzüge des einfach zu bedienenden und leistungsfähigen „Lichtstromes“ und „Kraftstromes“. Der Stromverbrauch stieg stetig an. Die gute finanzielle Lage des Elektrizitätswerkes, das seine Überschüsse in die Stadtkasse einspeiste, änderte sich mit dem Ersten Weltkrieg fast schlagartig. Die Brennstoffe, vor allem auch Kohle, wurden knapp und teuer. Die Produktionskosten des vom Elektrizitätswerk ausschließlich erzeugten „Wärmekraftstroms“ stiegen rasant an. Zudem waren die Dampfmaschinen im Straubinger Elektrizitätswerk bereits stark verbraucht. Gleichzeitig wuchs die Stromabgabe ständig an, steigerte sich von 555.000 KWh im Wirtschaftsjahr 1913/1914 auf 1.100.000 KWh 1922/1923.

Mit Aktien zum Bau

So griffen die „Städtischen Betriebe“ unter Direktor Paul Münch eine Idee aus der Vorkriegszeit wieder auf: Damals plante man in der Nähe von Kostenz am Obermühlbach ein Wasserkraftwerk zu errichten. Im Sommer 1923, mitten in der Hochinflationszeit, fällte der Stadtrat unter Vorsitz des Bürgermeisters Josef Maily dann eine einschneidende, eine „abenteuerliche“, eine umstrittene Entscheidung: Man wollte weg von der teuren Wärmekraft, hin zur kostengünstigeren Wasserkraft. Die Stadt Straubing gründete daher am 23. Juli 1923 zusammen mit der „Bayerischen Aktiengesellschaft für Energiewirtschaft Bamberg“ die „Kraftwerk am Höllenstein Aktiengesellschaft Straubing“ (HÖLLAG). Zweck des Unternehmens sollte „die Ausnützung der Wasserkraft des Schwarzen Regens zur Erzeugung elektrischen Stromes für die Versorgung der Stadt Straubing, des Kreises Niederbayern und von angrenzenden Bezirken der Oberpfalz mit elektrischer Energie sein“. Im November trat die „Ostbayerische Stromversorgung Aktiengesellschaft München“ (OSTROMAG, seit 1944 OBAG) als Mitgesellschafter ein.

Kraftwerk im Bau, 1925 (Stadtarchiv Straubing FS Hanns Rohrmayr 2230)

In völlig unerschlossenem Gebiet, erreichbar nur auf dem Wasserweg, errichtete die HÖLLAG, finanziert durch in- und ausländische Darlehen, von Oktober 1923 bis Januar 1926 ein zweigeteiltes Flusskraftwerk: „Rechts, angelehnt an den steil aufsteigenden Höllensteinfelsen, die Stauanlage als massive Talsperre zur Zusammenfassung des Gefälles, links das Maschinenhaus mit den Turbinen, Generatoren, Transformatoren und dem Sammelschienensystem“. Der Schwarze Regen wurde auf 5,6 Kilometer Länge gestaut; es entstand nicht nur der größte See des Bayerischen Waldes, sondern auch die damals größte Talsperre Bayerns, 74 Meter lang, 19,2 Meter hoch. Das Kraftwerk verfügte zwischen dem Berg Arber und dem Ort Viechtach über ein Niederschlags-Einzugsgebiet von 980 Quadratkilometer, mit einem Höhenunterschied von tausend Metern und einem Speichervolumen von 1,4 Millionen m3.

Kraftwerk im Bau, 28. Dezember 1925 (Stadtarchiv Straubing FS Hanns Rohrmayr 2329)

Am 14. Januar 1926 ging das Wasserkraftwerk Höllenstein in Betrieb. Drei Voith-Francis-Turbinen von je 1340 PS Leistung und drei Drehstrom-Schirmgeneratoren mit insgesamt 3650 KVA Leistung produzierten im ersten Jahr 7,8 Millionen KWh Strom, fast das Dreifache des Straubinger Strombedarfes. Über zwei Hochspannungsleitungen von 40 Kilometer Länge wurde der Drehstrom nach Straubing transportiert. Da das Straubinger Leitungsnetz auf Gleichstrom ausgerichtet war, waren im Elektrizitätswerk, das seine Wärmekrafterzeugung einstellte, Umformeraggregate nötig. So begann mit dem Einzug der Wasserkraft in Straubing auch die Umstellung des störanfälligen Gleichstromnetzes, bei dem bis zu 20 Prozent Übertragungs- und Verteilungsverluste auftreten konnten, auf Drehstromversorgung. Neue Baugebiete wie der Stadtteil Straubing-Süd wurden nun von Anfang an mit Drehstrom bedient.

Neuerungen und Investitionen

Der Zweite Weltkrieg und die „chaotische“ Zeit danach bedeuteten eine schwere Belastungsprobe für die Städtischen Betriebe. Das Stromnetz wurde nicht mehr genügend gewartet; die schweren Luftangriffe, vor allem am 18.April 1945, hatten viele Leitungen zerstört. Zudem musste der rasche Anstieg der Bevölkerung, bedingt durch die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen – Straubing zählte Ende 1945 36.000 Einwohner –, verkraftet werden. Im „Amtlichen Mitteilungsblatt für den Stadt- und Landkreis Straubing“ riefen die „Stadtwerke“ unter Leitung von Rudolf Rupprecht wiederholt zu Sparsamkeit auf, zum Beispiel am 1. Dezember 1945: „Aufklärung für Straubinger Stromverbraucher […] Da größere Sicherungen mit Rücksicht auf die Zerstörung der Kabel und Freileitungen nicht mehr eingesetzt und auch neue Speiseleitungen zur Zeit nicht verlegt werden können, werden sich die Stromausfälle nur dann verringern, wenn sich jede Haushaltung bemüht, ihren Verbrauch einzuschränken. Die vielen jetzt in Gebrauch befindlichen elektrischen Heiz- und Kochgeräte hängen sich wie Bleigewichte an unser sowieso den normalen Anforderungen kaum genügendes Gleichstromnetz.“

Turbinen im Kraftwerk, 1926 (Stadtarchiv Straubing FS Hanns Rohrmayr 2294)

Es war gerade dem eigenen Wasserkraftwerk zu verdanken, dass die Stromversorgung in Straubing nicht völlig zusammenbrach. Um die Ausbeute im Höllensteinkraftwerk effizienter zu machen, ging man vom reinen Laufwerk- auf Speicherbetrieb über, verbunden mit der Einführung einer Wetter- und Niederschlagsprognose. Zudem mussten Baumängel der 1920er Jahre, vor allem Schäden an den Betonmauern und an den Aluseilen der Hochspannungsleitungen, ausgemerzt werden. Jetzt erst und endlich erschloss man das Kraftwerk durch eine Straße.

1961 verkaufte die HÖLLAG ihre Hochspannungsleitungen an die OBAG (heute Bayernwerk Netz GmbH). Der Höllensteinstrom wird seitdem direkt in das Bayernwerk-Netz eingespeist, während die Stadtwerke dafür aus dessen Umspannwerken Strom entnehmen. Um die Leistungsfähigkeit des Höllensteinkraftwerks zu verbessern, wurde 1963 das Ausgleichswerk in Pulling mit dem Blaibacher Stausee eröffnet. Beide Werke zusammen deckten 1986 ein Siebtel des Strombedarfs Straubings, einer Stadt mit inzwischen knapp 42.000 Einwohnern und wachsenden Industrie- und Gewerbegebieten. Im Jahr 2024 waren es mit 13,5 Millionen KWh aus Höllenstein und sechs Millionen KWh aus Pulling (Mittelwerte) nur noch ca. sechs Prozent des Straubinger Stromverbrauches. Dies ist nicht nur auf den steigenden Verbrauch der inzwischen fast 50.000 Einwohner, sondern auch auf den Wandel der klimatischen Bedingungen zurückzuführen: Durch das Fehlen der Schneeschmelze und durch weniger Niederschläge verschlechtert sich die Wasserführung und damit die Stromgewinnung. Trotzdem ist das Höllensteinsteinkraftwerk ein wichtiger Baustein in der Energieversorgung Straubings, der durch die wasserrechtliche Genehmigung bis 2039 gesichert ist und von den Stadtwerken „gehegt und gepflegt“ wird. 2013 wurde z.B. eine Druckkammer-Fischschleuse mit energetischer Nutzung am Kraftwerk Höllenstein errichtet – hierfür erhielt das Kraftwerk auch den Bayerischen Energiepreis 2014. 2024 und 2025 wurden Turbinen renoviert.

Touristische Attraktion

Der Entschluss der Straubinger Stadtväter in einer wirtschaftlichen Krisenzeit ein eigenes Wasserkraftwerk zu errichten war mutig, ein „kühnes Vorhaben“, wie in den Quellen steht. Sie riskierten eine hohe Verschuldung, um billigeren Strom zu erzeugen – und haben damit, was heute von Bedeutung ist, für umweltfreundlichen Strom gesorgt. Das Höllensteinkraftwerk erwies sich damals übrigens auch als „Segen“ für die arme Region um Viechtach, die dank der Elektrifizierung einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Nicht zuletzt entstand eine „Tourismusattraktion“, wie 1938 in der Zeitschrift „Der Bayerwald“ gewürdigt wurde: „Der Bayerische Wald hat einen neuen Anziehungspunkt von hervorragender Schönheit erhalten: das Kraftwerk am Höllenstein mit seinem Stausee. Wer es gesehen hat, ist begeistert vom Bauwerk selbst wie im Besonderen von den landschaftlichen Schönheiten, die es erschlossen hat.“

Kraftwerk am Höllensteinsee, 2025 (Stadtwerke Straubing Foto Katharina Reiner)

Hieran hat sich bis heute nichts geändert: An diesem „schönen Fleckchen Erde“, wie der Geschäftsführer der Stadtwerke Straubing GmbH und Vorstand der HÖLLAG Günter Winter es nennt, laden die neu errichtete und im Frühjahr 2025 eröffnete Gaststätte „Höllensteinhaus“, ein Bootsverleih, Wanderwege und der ebenfalls erst 2025 eingeweihte „Höllensteinsteig“ zum Besuch und zur Erholung ein. Und im Jubiläumsjahr kann man dieser Gegend sogar im Kino begegnen: Der US-Film „The Weight“ mit den Schauspielstars Ethan Hawke und Russell Crowe, eine Goldgräbergeschichte aus den 1930er Jahren, spielt eigentlich in Oregon – gedreht wurde aber u.a. am Höllensteinsee im Bayerischen Wald!

Dorit-Maria Krenn

Information:
Die Stadtwerke Straubing GmbH veranstalten am 14. Juni 2026 einen Tag der offenen Tür.