Bereits Ende des 19. Jahrhunderts charakterisierte der in Deggendorf geborene Privatgelehrte Johannes Fressl in seiner instrumentenkundlichen Abhandlung Die Musik des baiwarischen Landvolkes vorzugsweise im Königreiche Baiern die Maultrommel als „alten Liebling des Landvolkes“1

Gerne würde man wissen, seit wann die von Fressl und anderen beschriebene Zuneigung zur Maultrommel tatsächlich nachweisbar ist. Ebenso stellt sich die Frage, ob das Instrument ausschließlich im bäuerlichen Milieu Bayerns verbreitet war. Diesen Fragen geht der vorliegende Beitrag nach. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die gesamte Geschichte der Maultrommel, sondern die Suche nach ihren frühesten Spuren in Bayern, insbesondere in Niederbayern.

Bevor diese historischen Zeugnisse näher betrachtet werden, sollen wichtige Merkmale des Instruments erläutert werden. Bei der sogenannten Bügelmaultrommel wird ein dünner Metallstab gebogen und die beiden Enden (Arme) mit sehr schmalem Abstand parallel ausgerichtet. Dazwischen liegt ein schmales und dünnes Metallblatt (Zunge/Lamelle), das am Bügel fixiert ist. Zum Spielen legt man die Bügelarme zwischen die oberen und unteren Schneidezähne und zupft mit dem Finger das am Ende der Zunge befindliche Häkchen.

Die erste Abbildung dient nicht nur der allgemeinen Veranschaulichung der Bauweise; sie ist zugleich ein Hinweis auf die weltweite Verbreitung der Maultrommel. Gezeigt werden Modelle der so genannten Bügelmaultrommel, die in Europa und im nördlichen und südlichen Teil von Asien beheimatet ist.

Abb. 1 (links oben) Bügelmaultrommel aus Österreich; (links Mitte und unten) Deutschland; (rechts oben) Nepal; (rechts unten) Indien. Foto: Wolfgang Braun

In Südostasien ist bis heute eine andere Form präsent, nämlich die Rahmenmaultrommel.  Die Zunge schwingt hierbei in einem geschlossenen Rahmen, der häufig aus Bambus gefertigt ist. (Abb.2)

Abb. 2 Rahmenmaultrommel Angkuoch aus Bambus; Herkunft Kambodscha. Foto: Wolfgang Braun

Die durch die flexible Metall- (Bambus-) Zunge erzeugte Luftschwingung setzt sich physikalisch gesehen aus zahlreichen Teilschwingungen zusammen: In dem aus Mund-, Rachen- und Nasenraum gebildeten Vokaltrakt werden je nach dessen Formung bestimmte Teilschwingungen verstärkt, andere abgeschwächt (Resonanzvorgänge). Hierbei wirken Zungenlage, Lippenrundung, Kieferöffnung, Stellung des Gaumensegels und Verschluss oder Öffnung der Stimmritze zusammen. Das Ergebnis dieser physikalischen und physiologischen Vorgänge ist akustisch ein Klang, der sich aus einem Grundton und dessen Obertönen zusammensetzt, die für eine spezifische Klangfärbung sorgen. Auch wenn die Klangbildung sehr komplex ist, die Zusammenhänge erschließen sich unmittelbar im eigenen Erleben, denn die Abläufe ähneln dabei in hohem Maße der Artikulation beim Sprechen. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass beim Maultrommelspiel stimmlos artikuliert wird. Die für einen Klang erforderlichen Schwingungen stammen nicht mehr von den beiden Stimmbändern, sondern von der gezupften Zunge der Maultrommel. Alle Artikulationsbewegungen, die im Vokaltrakt möglich sind und dessen Form und Volumen ändern, lassen sich für die Klangbildung beim Maultrommelspiel nutzen. Es erleichtert sowohl das Verständnis als auch die Spielpraxis, sich dabei an der Lautbildung zu orientieren. Im Zentrum steht die Artikulation von Vokalen, einschl. der Umlaute und Diphthonge. Ebenso wichtig für die Klangfarbe ist die Wahl des „Registers“, womit die Öffnung oder Schließung bestimmter Resonanzräumen bei Mundatmung, Nasenatmung und Luftanhalten gemeint ist (offene/geschlossene Stimmritze, Senkung/Hebung Gaumensegel). Für besondere Klangeffekte sorgen zudem bestimmte Konsonant-Vokal-Verbindungen (mit d, j, k, l, n: da-da, u.ä.).

Im Unterschied zu den Stimmbändern und auch den gängigen Musikinstrumenten erzeugt die Maultrommel keine variablen Tonhöhen. Ihre Metallzunge schwingt stets mit der einen, konstruktionsbedingt festen Grundfrequenz; alle Klänge, mit welchen Färbungen auch immer, haben denselben Grundton. Dennoch ist das Melodiespiel auf der Maultrommel möglich. Dafür müssen durch sehr präzise Artikulation Obertöne mit unterschiedlicher Frequenz aus dem Klangspektrum des Grundtons verstärkt werden. Zwar klingt der Grundton wie ein Bordun ständig mit, aber die hervorgehobenen Obertöne können mit ihren unterschiedlichen Tonhöhen als Melodie aus dem Gesamtklang herausgehört werden. Neben der unvermeidlichen Koppelung von Melodieton und gleichbleibendem Grundton gibt es eine weitere Besonderheit beim Melodiespiel. Die zur Verfügung stehenden Obertöne bilden keine temperierte Tonreihe wie etwa eine diatonische oder chromatische Skala, sondern sind geordnet wie die Naturtonreihe, mit weiten Intervallen in den unteren Oktaven, und immer engeren in den höheren Oktaven. Die Maultrommel eignete sich deshalb nur mit erheblichen Einschränkungen für eine Verwendung in der Kunstmusik und Volksmusik mit deren starker Betonung der Dur-Moll-Tonalität ab dem 18. Jahrhundert.

Archäologische Funde belegen die erstmalige Verwendung von Maultrommeln in Europa zu Beginn der 13. Jahrhunderts.2 Es handelt sich um Bügelmaultrommeln aus Metall. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dienten Exemplare aus Asien als Vorlage für eine frühe heimische Produktion, die vermutlich an einigen (bis jetzt unbekannten) Orten zunftmäßig organisiert war.

Offensichtlich gewann das Spiel mit dem neuartigen Instrument, das über Messen, Jahrmärkte und fahrende Händler vertrieben wurde, sehr schnell an Beliebtheit; anders lässt sich die Vielzahl archäologischer Funde aus dem 13. und 14. Jahrhundert an den unterschiedlichsten und teilweise weit auseinanderliegenden Orten in Europa nicht erklären. Eines der frühesten sicher datierten Exemplare ist ein Fund in Lübeck aus der Zeit um 1200. Schriftliche oder bildliche Zeugnisse liegen aus dieser Zeit nicht vor.

Dass in Bayern das Maultrommelspiel schon seit Anfang des 14. Jahrhunderts verbreitet ist, wissen wir ebenfalls nur durch archäologisch nachgewiesene Funde. Insgesamt sind in Bayern 17 Fundstellen bekannt.3 Die frühesten Exemplare stammen von der Burg Sulzbach in der Oberpfalz (um 1300) und der Burg Mömbris im Spessart (Anfang 14. Jahrhundert). In Niederbayern fanden sich Maultrommeln bei Ausgrabungen in den Burgruinen Altnußberg (Gemeinde Geiersthal), Weißenstein (Stadt Regen) sowie auf der Veste Oberhaus in Passau.

Auf der Burg Altnußberg wurden in den Jahren von 1983 bis 1999 die Überreste der mittelalterlichen Anlage freigelegt, archäologisch erforscht und restauriert; dabei kamen zwei Maultrommeln aus dem 14./15. Jahrhundert ans Tageslicht.4

„Unter den Funden befand sich auch etliches an Spielzeug für die Kinder, aber auch für die Erwachsenen: Kleine Tonpuppen, Kinderrasseln, Drachenköpfe, Miniaturgefäße, Spielsteine und eine große Menge an Spielwürfeln. Zwei Maultrommeln, die ältesten Musikinstrumente des Bayerischen Waldes, waren ebenfalls unter den Funden … (S. 48) Die Burg Altnußberg, wie auch die anderen Burgen im weiten Land, dienten nicht nur zur Sicherung der Aufsichts- und der Verwaltungsarbeit und dem Schutz ihrer Bewohner in Kriegszeiten, sondern auch dem alltäglichen Leben der Menschen, der Männer, Frauen und Kinder... (S. 57) Auch im Mittelalter wollten sich die Kinder und auch die Erwachsenen in ihrer freien Zeit unterhalten … (S. 59).“

Abb. 3 Burg Altnußberg, Fotos: Franz Raith

Die Stadt Regen ließ in den Jahren 1997 und 1998 auf Burg Weißenstein Grabungsarbeiten durchführen. Diese förderten neben vielen Objekten der spätmittelalterlichen Alltagskultur eine Maultrommel und zwei Schellen (Gefäßrasseln) als Instrumente der Klangerzeugung zutage.5

Abb. 4 Burg Weißenstein, Foto: Elisabeth Vogl

Auf der Veste Oberhaus in Passau kamen zwei Exemplare aus dem 16./17. Jahrhundert zum Vorschein.6

Die Funde von Altnußberg, Weißenstein, Passau und den anderen Fundorten in Bayern sind bedeutsame Zeugnisse der spätmittelalterlichen Musikpraxis. Auch wenn die ausgegrabenen Objekte in ihrer ursprünglichen Funktionalität nicht wiederherstellbar und damit nicht mehr spielbar sind, lässt sich mit heutigen, vergleichbaren Maultrommeln der einstige Klang dieser Instrumente wieder annähernd hörbar machen. Die für das Maultrommelspiel wesentlichen Faktoren wie Bauart, Material, Größenverhältnisse und Klangerzeugung haben sich seit dem ersten Auftreten des Instruments in Europa nicht wesentlich verändert. In Abb. 5 werden den Fundstücken von Altnußberg, Weißenstein und Passau eine moderne Maultrommel mit ähnlicher Form und Größe gegenübergestellt. Die von Andreas Schlütter in Zella-Mehlis aus Neusilber gefertigte Maultrommel ist auf den Grundton G (G2) gestimmt.

In Abb. 5 werden den Fundstücken von Altnußberg, Weißenstein und Passau eine moderne Maultrommel mit ähnlicher Form und Größe gegenübergestellt. Die von Andreas Schlütter in Zella-Mehlis aus Neusilber gefertigte Maultrommel ist auf den Grundton G (G2) gestimmt.

Abb. 5 Moderne Maultrommel, Fertigung Andreas Schlütter, Zella-Mehlis, Foto: Wolfgang Braun

Welche Personen oder Personengruppen im Einzelnen Maultrommel gespielt haben, lässt sich allein auf Grundlage der archäologischen Funde nicht beantworten. Aus bildlichen und schriftlichen Quellen zur mittelalterlichen Musikpraxis wissen wir lediglich, dass das Instrument weder von den professionellen Musikern an herrschaftlichen Höfen, in kirchlichen und städtischen Diensten noch von fahrenden Spielleuten verwendet wurde. Angeboten auf Jahrmärkten und von Hausierern, war die Maultrommel jedoch für musikalische Laien eine leicht erlernbare, erschwingliche und unreglementierte Möglichkeit, Musik zu machen. Aufgrund der geringen Größe ließ sich das Instrument mühelos überallhin mitnehmen.

ältesten überlieferten Musikinstrumenten in Bayern. Darin liegt ihre besondere kulturgeschichtliche Bedeutung. Diese ist umso höher einzuschätzen, als für die nachfolgenden Zeiträume bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Belege für die Verwendung der Maultrommel in der Alltagskultur Niederbayerns vorhanden sind. Man darf daraus zwar nicht den Schluss ziehen, dass sie nicht mehr gespielt worden wäre, aber offensichtlich gab es für Chronisten keinen Anlass, das Instrument und seine Spielweise zu erwähnen. Fest steht, dass die Maultrommel nicht zum Instrumentarium der niederbayerischen Musikanten gehörte, die bei öffentlichen Anlässen, wie Hochzeiten, Kirchweih, Tanzmusiken im Wirtshaus u.a. aufspielten. Dafür waren vor allem „laute“ Instrumente wie Geige, Klarinette, Horn, Hackbrett und Dudelsack geeignet.7

Dagegen „gewährt die Maultrommel ein mehr stilles Vergnügen“, wie Johannes Fressl in seiner schon erwähnten Instrumentenkunde anmerkte. Der Regensburger Musikethnologe Felix Hoerburger bezeichnete die Maultrommel als „Einzelgänger in der instrumentalen Volksmusik. Vielfach ist ihr Spiel introvertiert. Der Spieler spielt fast nur zu seiner eigenen Erbauung, um seine ‚Grillen zu verscheuchen‘, wie uns der italienische Name der Maultrommel ‚Scacciapensieri‘ sagt […] Der zarte Ton […] wirkt […] mehr nach innen als nach außen“.8 Generell kann man annehmen, dass ein auf diese Weise praktiziertes privates Musizieren zeitgenössischen Chronisten wenig Anlass zu einer Erwähnung bot und sich in vielen Fällen auch einer Beobachtung durch Außenstehende entzog.

Seit den 1830er Jahren nahm das Interesse für das stille und introvertierte Vergnügen deutlich ab, am Ende des Jahrhunderts war die Maultrommel völlig aus der Musikpraxis verschwunden. Auslöser war eine weit verbreitete Entwicklung, die mit Sicherheit auch Niederbayern erfasste. Um nochmals Hoerburger zu zitieren: „Die größere Reichhaltigkeit klanglicher Ausdrucksmöglichkeit mußte es mit sich bringen, daß die Mundharmonika an die Stelle der Maultrommel trat“.9

Vor diesem Hintergrund kommt den archäologischen Funden von Altnußberg, Weißenstein und Passau besondere Bedeutung zu. Auch wenn sie nichts darüber verraten, wie die Menschen vor Jahrhunderten wirklich auf der Maultrommel gespielt haben, zeigen sie auf authentische Weise ihre frühe Verbreitung im niederbayerischen Raum. Und sie bewahren die Erinnerung an das inzwischen fast vergessene Instrument.

Wolfgang Braun

Literatur

(1) Fressl, Johannes: Die Musik des baiwarischen Landvolkes vorzugsweise im Königreiche Baiern. Erster Teil: Instrumentalmusik. In: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte. Hrsg. Historischer Verein von Oberbayern, Band 45. 1888/89. S. 119

(2) Kolltveit, Gjermund: Jew’s Harps in European Archaeology. Oxford 2006.

Kolltveit, Gjermund: The jew’s harp in Western Europe: Trade, communication, and innovation, 1150–1500. In: Yearbook for Traditional Music, 41/2009, S. 42–61.

(3) Fundorte in Bayern (14.–17. Jahrhundert): Burgen Waldstein, Mömbris, Hauenstein, Bartenstein, Laudenbach, Castell, Treuchtlingen, Sulzbach, Adelburg, Altnußberg, Weißenstein, Passau, Eisenberg, Wittelsbach, Ehrharting. Dörfliches Umfeld: Lindelach, Wassertrüdingen.

Sulzbach: Hensch, Matthias: Burg Sulzbach in der Oberpfalz. Band 1: Text und Katalog. Büchenbach 2005. Maultrommel auf Tafel 205 / Abb. 12, S. 372, sowie S. 566.

Mömbris: Website des Archäologischen Spessartprojekts (ASP) e.V. – Unterfränkisches Institut für Kulturlandschaftsforschung an der Universität Würzburg. Spessartprojekt.de > Archäologie > Burg Mömbris > Funde > Eisen > Maultrommel. Detaillierte Informationen zu den Funden: Harald Rosmanitz: „Die Burg Mömbris – Funde“.
Zusammenstellung der Funde in Bayern nach Kolltveit (2006; s. Anm. 2) und ergänzenden eigenen Recherchen.

(4) Altnußberg: Sehrbrock, Günter: Altnußberg: eine Burganlage im Bayerischen Wald.
Verlag: Förderverein der Freunde und Gönner der Burgruine Altnußberg, 2001.
Abbildung (Zeichnung) einer gefundenen Maultrommel auf S. 53.
Zitate: S. 48, 57, 59.

(5) Website des Vereins „Freunde der Burganlage Weißenstein e.V“ im Abschnitt „Burg Weißenstein > Archäologie > Schink, Cornelia: Die Archäologie der Burganlage Weißenstein.

(6) Kolltveit (2006; s. Anm. 2), S. 200.

(7) Hartinger, Walter: Niederbayerische Musikanten im 18. Jahrhundert.
In: Bayer. Landesverein für Heimatpflege (Hrsg.): Gepflegtes und „Ungepflegtes“. Lebendige Volksmusik in Niederbayern. München 1993. S. 56 f.

(8), (9) Fressl (s. Anm. 1), S. 118 f.
Hoerburger, Felix: Musica vulgaris; Lebensgesetze der instrumentalen Volksmusik. Erlangen 1966.
Zitate: S. 99 und 103.