Mit dem Themenfeld der Kultur ist die Landschaft eng verbunden. Zumeist als Kulturlandschaft bezeichnet, obwohl ein weißer Schimmel, denn Landschaft ist ein menschengedachtes und -gemachtes Konstrukt. Das zeigt schon die Silbe -schaft: vom Menschen gemacht und geschaffen. Den Gegenpart zur Naturlandschaft, der gar nicht so leicht abzugrenzen ist, weil der menschliche Einfluss auf die ursprüngliche Landschaft oft nicht bekannt oder nicht mehr sichtbar ist.
Es geht dabei u.a. um das Bewahren, Pflegen und Weiterentwickeln der niederbayerischen Heimat. Um Erinnerung, um Schönheit und ökologische Funktionen, identitätsstiftende Kraft, Lebensstile und Ansprüche der Bewohnerinnen und Bewohner Niederbayerns, um Wirtschaft, Überlebenswillen und Wachstum, Zerstörung und Versiegelung, Verlust und Gewinn.
All das lässt sich an unseren niederbayerischen Kulturlandschaften ablesen und zeigen – vor allem aus der Luft betrachtet. Ob uns das Ergebnis gefällt oder nicht. Die Bildvergleiche von früheren und heutigen Landschaftsausschnitten können unser Bewusstsein dafür schärfen, zu Diskussionen herausfordern und zum Nachdenken anregen. Vielleicht auch zu einem Perspektivenwechsel und einem Engagement für die uns umgebende Kulturlandschaft, die wir so gerne als unsere Heimat bezeichnen.
Unter dem Titel „Bayern früher – heute“ hat der Bund Naturschutz in Bayern vor kurzem ein digitales Archiv ins Netz gestellt, das derartige vergleichende Bildpaare aus allen Regierungsbezirken zeigt. Dort heißt es in der Einführung: „So schaffen wir ein Fundament für die Erinnerung an frühere Landschaften, um das Verlorene deutlich zu machen. Aber auch um anzuspornen, die noch erhaltenen Idyllen zu erhalten und wieder Mut zu machen, Landschaft neu zu gestalten: […] Historische Bildaufnahmen vermitteln wie kaum ein zweites Medium Informationen über diese früheren, so schwer beschreibbaren Landschaftszustände“.
Die meisten Bilder stammen aus Oberbayern (642 Stück), die wenigsten aus Unterfranken (44 Stück). Für Niederbayern fällt trotz der Zahl von 209 Bildern auf, dass es riesige Lücken gibt – vor allem zwischen Landshut und Passau. Dieses Manko ließe sich aber etwa durch die Übernahme und Nutzung des sehr stattlichen Archivs des Luftbildarchäologen Klaus Leidorf aus Buch am Erlbach wunderbar schließen. Denn seit Jahrzehnten dokumentiert er den Wandel vom Agrarland zum von Gewerbe-, Siedlungs- und Infrastrukturgebieten geprägten Landschaften des Anthropozäns inmitten von nach wie vor reizvollen Erholungsgebieten und letzten Resten von ursprünglicher Natur.
Exemplarisch kann man das Potenzial von vergleichenden Lufdtbildern auf den hier publizierten beiden Bildern sehen: Noch bis ins Jahr 2015 prägten im Vordergrund nur die Autobahn zwischen München und Deggendorf mit der Zu- und Abfahrt Landshut-West und der diagonal verlaufende Strich, die Bahnlinie Richtung Passau, inmitten der vorwiegend kleinteilig landwirtschaftlichen Flurformen das Geschehen. Heute hat sich das schlagartig geändert. Jetzt dominieren maßstabssprengende riesige hektargroße Gewerbehallen und großflächige PV-Anlagen das Bild beiderseits der Bahnlinie. Und wir können uns ausmalen, dass es in unserer schnelllebigen Zeit sicher nicht dabei bleiben wird.
Weitere Informationen unter: https://www.bayern-frueher-heute.de/content/projekt.php
Helmut Wartner
Luftbilder: Klaus Leidorf