Mit über 89 Metern ragt der Turm der Kirche St. Jakob in Straubing über die Stadt und den Gäuboden – als höchster Punkt dieser fruchtbaren niederbayerischen Gegend. Er prägt fast noch eindrucksvoller als das Wahrzeichen Straubings, der gotische Stadtturm, die Stadtsilhouette. Zugleich vermittelt er, beim Betrachten wie beim Besteigen, spannende Einblicke in die Stadtgeschichte.
Gotischer Bau und barocke Haube
Die Bürger Straubings begannen, unterstützt vom Augsburger Domkapitel, dem damaligen Grundherrn Straubings, um 1404/1408 mit dem Bau einer mächtigen Stadtkirche. Als Baumeister wird Meister Hans der Steinmetz aus Burghausen vermutet, der unter anderem auch St. Martin in Landshut plante. St. Jakob ist eine der größten und schönsten gotischen Backsteinkirchen Süddeutschlands, das für die spätmittelalterliche Architektur typisch und zugleich vorbildhaft ist. Die Kirche zeugt zudem von der blühenden Zeit des Herzogtums Bayern-Straubing-Holland, in die der Baubeginn fällt.

Kirche St. Jakob im Stadtmodell von Jakob Sandtner, 1568 (Kopie von 1883, Gäubodenmuseum Straubing)
In den Bauphasen der dreischiffigen Hallenkirche, vor allem auch ihres Turmes, spiegelt sich das Zeitgeschehen wider. 1423 war der Chorbau bereits abgeschlossen. Die Auseinandersetzungen mit den Hussiten, den Anhängern des Reformators Jan Hus, die von Böhmen her nach Niederbayern einfielen, sowie die politische Unsicherheit nach dem kinderlosen Tod Johanns III., des letzten Herzogs von Bayern-Straubing-Holland, unterbrachen oder verzögerten aber die Bauarbeiten. 1512 war das letzte Joch des Langhauses vollendet. Um diese Zeit war der Turm, um 1500 auf einem „nicht ganz ebenmäßigen“ quadratischen Grundriss begonnen, bis zu 10 Metern hoch aufgeführt. Er birgt im aus Natursteinen gemauerten Erdgeschoß die Vorhalle, den Haupteingang zur Kirche. Ziegelstein für Ziegelstein – produziert aus dem Lehm der nächsten und nahen Umgebung – wuchs der Turm mit seinen stützenden und schmückenden Strebepfeilern nach oben. Viereckige Löcher in den Wänden lassen den von innen erfolgten Gerüstbau erkennen. Für besondere Bauteile wie Gesimse, Fensterlaibungen oder die auf 26 Meter Höhe verlaufende Galerie wurden ebenfalls Natursteine verwendet, überwiegend Kalkstein aus der Kelheimer Gegend und Granit aus dem Bayerischen Wald. Auch die drei spätgotischen Heiligenfiguren auf den Pfeilern, Jakobus, Leonhardus und Petrus, verdanken ihre starke Verwitterung dem porösen Kalkstein.

Kirche St. Jakob (Foto Manfred Bernhard, Touristinfo Straubing)
Eingeritzte Jahreszahlen verkünden den weiteren, wenn auch langsamen Baufortschritt: „1516“ 20 Meter, „1529“ 26 Meter. Es dauerte 50 Jahre, bis in 48 Meter Höhe die nächste Zeitmarke „1579“ angebracht wurde. Während im Kirchenschiff selbst schon längst Gottesdienste gefeiert wurden, blieb der Turm unvollendet. Der Straubinger Drechslermeister Jakob Sandtner hielt 1568 in seinem berühmten Stadtmodell diesen Zustand fest.
Was war geschehen? Es war nicht nur der finanzielle Aderlass, den die Bürgerschaft 1536 durch den Kauf der Grundrechte ihres Gebietes zu verkraften hatte. Es waren vor allem die Reformationswirren, die den Weiterbau verzögert hatten. Straubing drohte eine protestantische Stadt zu werden, besonders die wohlhabenden und einflussreichen Bürgerkreise bekannten sich zu den Lehren des Reformators Martin Luther. Man ging nicht mehr zur Beichte und zur Kommunion, verspottete die Priester, las lutherische Bücher. Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 setzte der bayerische Herzog Albrecht V. den katholischen Glauben in seinem Land und in seiner „aufmüpfigen Stadt“ Straubing wieder durch. Er wies u.a. die Familien, die weiterhin am Protestantismus festhielten, aus der Stadt aus und verlegte das Chorherrenstift St. Tiburtius von Pfaffmünster nach Straubing. St. Jakob erhielt nun den Rang einer Stifts- und Pfarrkirche für die Neustadt und der heilige Tiburtius, ein römischer Märtyrer, wurde neben dem Apostel Jakobus dem Älteren zweiter Kirchen- und Stadtpatron.
Als der Turm weitergebaut wurde, ging man einfacher und sparsamer vor. So setzte man auf die viereckige Grundform in etwa 55 Meter Höhe, oberhalb des Glockenstuhls, ein achteckiges schmäleres Oktogon auf. Eine moderne, frühbarocke, „welsche“ Haube krönte schließlich den Turm. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Turm fertig. Nun war St. Jakob, wie der Kunsttopograf Michael Wening 1726 pries: „ein schön und prächtiges Gebäu, würdig Stüfft- und Pfarr-Kirch zu seyn; einer Haupt-Statt gantzwol anstehet“.
Brandkatastrophen und Restaurierungen
Am 13. September 1780 brach in einer Brauerei in der Fraunhoferstraße ein Feuer aus, das sich rasend schnell in das nordwestliche Stadtviertel ausbreitete. Auch die Turmspitze von St. Jakob fing Feuer, fiel auf das Kirchendach, zerstörte es. Die Glocken schmolzen. Wieder stand der Turm ohne Kopf da. Brandspuren zeugen im Turminnern immer noch von dem Unheil des „Großen Stadtbrands“. Unter Stadtbaumeister Ignaz Hirschstetter begann unverzüglich die Restaurierung. Das Kirchenschiff erhielt eine neue frühklassizistische Decke und der Turm einen neuen Abschluss. Hirschstetter setzte hierbei einen eigenen Akzent: Er entwarf eine 21,50 Meter hohe schlanke „birnenförmige“ Spitze mit einer größeren und einer kleinen Zwiebel – die Maße des Turms in seiner imponierenden Höhe entsprachen nun harmonisch der Länge des Gotteshauses. Darüber thront ein über fünf Meter hohes vergoldetes Kreuz als himmlisches Ausrufezeichen. Die Bürger nützten die Renovierung auch zum Einbau einer Uhr mit vier Zifferblättern und eines zweiten Glockenstuhls. Sieben neue Glocken des Straubinger Glockengießers Johann Florido riefen nun zu den Gottesdiensten. Löcher in den Böden, zum Teil noch mit Glaseinsätzen, für die Glockenseile zeugen von der früheren Praxis des händischen Glockenläutens. 1787 waren die Arbeiten beendet.
Fast hundert Jahre später, 1872, entgingen Turm und Kirche nur knapp einer erneuten Brandkatastrophe. Ein „fürchterlicher Blitzstrahl mit schnellem und kurzem Donner“ setzte den Turmdachstuhl – trotz Blitzableiters – in Brand. Mit Hilfe der Soldaten der Straubinger Garnison, die unermüdlich Wasser auf den Turm trugen, konnte eine völlige Zerstörung des Gebälks und eine Ausbreitung des Feuers verhindert werden. Der Zahn der Zeit, Verwitterung, Stürme machten immer wieder mal Ausbesserungen nötig, z. B. 1899 an den Natursteinen im unteren Turmteil.
Die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs überstand die Kirche St. Jakob – wie fast die gesamte historische Innenstadt – unbeschädigt. Sechs Glocken, bis auf die Totenglocke, aber mussten für Rüstungszwecke abgegeben werden. Sie überdauerten den Krieg auf dem „Hamburger Glockenfriedhof“ und kehrten nach Straubing zurück, St. Jakob hatte aber 1947/1949 bereits ein neues Geläut mit sieben Glocken der Thüringer Glockengießerei F. Schilling’s Söhne samt elektrischer Läuteanlage installiert. Zudem hatte man im Frühjahr 1948 das verfaulte Gebälk der Turmspitze ausgebessert und nach alter Tradition in die Blechbüchse des restaurierten Turmkreuzes zusammen mit Reliquien und Heiligenbildern eine Nachricht des Stadtpfarrers Rudolf Kracher eingeschlossen: „Vor drei Jahren ist der unglückselige Krieg 1939–1945 zu Ende gegangen. […] Die Bevölkerung leidet Hunger und Mangel an Kleidung und Wäsche. Die Sittlichkeit ist tief gesunken. Der Geldumlauf ist groß, aber Ware ist schwer erhältlich.“
Einen Schrecken erlebte 1986 der damalige Mesner der Kirche, der einen gewaltigen Knall aus dem Turm hörte – die Drähte, die die Uhrgewichte trugen, waren plötzlich gerissen. Da es keine Ersatzteile mehr gab, wurde der Betrieb der Uhr auf Funksignal umgestellt. Das 1880 eingebaute mechanische Uhrwerk aber ist bis heute im Turm zu sehen.

Uhrwerk der Regensburger Fa. Rauscher, eingebaut 1880, stillgelegt 1986 (Foto Dorit-Maria Krenn)
Bildete der Turm beim Bau der Kirche St. Jakob das Schlusslicht, so durfte er 1998 bei der bis 2016 dauernden Generalsanierung der Kirche St. Jakob den Startschuss geben. Man tauschte u.a. verwitterte und schadhafte Ziegelsteine aus, erneuerte den oberen Glockenstuhl und das Kupferblech der Turmhaube, restaurierte das Haubengebälk sowie das Turmkreuz. Der Abschluss wurde am 25. März 2001 feierlich mit der Erweiterung des Geläuts um drei Glocken gefeiert, geschaffen von der Karlsruher Firma Rudolf Perner, der „Bistumsglocke“, der „Europaglocke“ und der „Lebensglocke“.
„Wir wollen Eintracht nicht Streit“
Viele Arbeiter und Handwerker haben im Lauf der Jahrhunderte an diesem Turm mitgewirkt und ihre Spuren hinterlassen, wie z.B. Steinmetze und Zimmerleute ihre Zeichen oder Namen. Sie haben auch Botschaften versteckt – wie Hans Mayer, der bei der Instandsetzung der Turmspitze 1948 mit seiner Firma die Malerarbeiten ausführte. In der obersten kleinen Zwiebel fand sich ein Reagenzglas, in dem er auf einen Zettel nicht nur die verwendeten Materialien und Farben aufzählte, sondern auch ein – zeitlos gültiges – Gedicht anfügte:
„Vom Winde umweht und von Dohlen umschwirrt,
Schafften wir in luftigen Höhen.
Sogar ein Spatz hat zu uns sich verirrt,
Was gemacht wird da, wollte er sehen.
Tief unter uns lag die Stadt und das weite Land,
Unsere Arbeit ging munter voran.
Denn sie war bei uns, unseres Schöpfers Hand
Zu schützen so gut sie kann.
Wir bitten dich Vater, bleib immer bei uns;
Führ heraus uns aus dieser Zeit.
Laß Frieden wieder sein nicht Unvernunft,
Wir wollen Eintracht nicht Streit …“
363 Stufen, mal hölzern, mal steinern, führen verwinkelt in die Turmhaube. Werden auf 77 Meter Höhe die schweren alten Metallluken geöffnet, bietet sich ein herrlicher Blick auf die Donauebene, den Gäuboden, den vorderen Bayerischen Wald, die Stadt Straubing. Zurück „auf der Erde“ entlässt eine kleine Eisenpforte den Besucher in den Kirchenraum – und vielleicht hat der Turm ihm dann nicht nur Bewegung gebracht und Geschichte gelehrt, sondern auch einen Hauch Demut spüren lassen.
Dorit-Maria Krenn
Der Turm kann mit ehrenamtlichen Turmführern des Kirchenbaufördervereins für die Kirchen von St. Jakob Straubing e.V. in Gruppen bis zu zehn Personen bestiegen werden. Regelmäßige Führungen gibt es jeden ersten Samstag oder Sonntag im Monat sowie an den Tagen des Gäubodenvolksfestes. Informationen unter www.st-jakob-straubing.de und www.kirchenbau.st.-jakob-straubing bzw. Kath. Stadtpfarramt St. Jakob, Pfarrplatz 11a, 94315 Straubing, Tel.09421/12715. Führungen nach Vereinbarung: fuehrungen@st-jakob-straubing.de