„Da müsste der Onkel Ludwig drauf sein…! “ ‒ „…und die Tante Julie!“ Im Saal des Neuen Kirchenwirts in Julbach werden gerade Erinnerungen wach. Der Beamer wirft ein Gruppenfoto aus den 1950ern auf die Leinwand. Wolf-Dieter Hergeth von den „Burgfreunden zu Julbach“ steht am Laptop und zeigt Schätze aus der Vergangenheit: Fotos eben, wie das Gruppenbild, aber auch schriftliche Dokumente aus Privatarchiven und sogar Gegenstände, die etwas aus der Geschichte von Julbach, seinen Teilgemeinden und Weilern berichten können: einen Truhenschlüssel vom Anfang des 16. Jahrhunderts etwa, samt Beschreibung.
Was hier zu erleben ist, ist jedoch nicht der selten und widerwillig gewährte Blick in das eher geheime Archiv eines einsam vor sich hin sammelnden Privatforschers. Hergeth ist Teil eines Teams von Vereinsmitgliedern der Burgfreunde zu Julbach. Konrad Engleder und Eberhard Langer gehören ebenso dazu. Alles ist öffentlich, wohlaufbereitet und durchsuchbar auf einer Webseite einzusehen. Jedermann ist aufgerufen mitzuhelfen, neues Material zu erschließen und Informationen beizusteuern – zum Beispiel, wenn es darum geht, Onkel Ludwig und Tante Julie auf einem zufällig aufgetauchten Foto zu identifizieren. Aber auch, wenn er was zu der Lehnsmünze aus der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert beizutragen hat, gefunden am örtlichen Schlossberg oder zur 1906 gebauten Schule, deren Baupläne man in der „Topothek“ einsehen kann.

Lehnsmünze, Ende 11./Anfang 12. Jahrhundert, Silber, Durchmesser ca. 24mm, Avers: Engel im Innenkreis, Revers: Vorgang einer Belehnung. Gefunden am Schlossberg in Julbach (Foto freigegeben von der Topothek Julbach)
Damit ist das Stichwort gefallen: Topotheken gibt es seit einigen Jahren vor allem in Österreich. Die Idee dazu hatte Alexander Schatek, der zunächst mithilfe seiner Firma in Wiener Neustadt eigene Bestände, verschlagworten, datieren und verorten wollte. Bald übernahm der österreichische Verein ICARUS, der sich die Digitalisierung von Archiven zur Aufgabe gemacht hatte. Mit den Datenbanken matricula.net und monasterium.net hat der Verein nicht nur Amateur- und Familienforscher, sondern auch viele Profihistoriker glücklich gemacht. Die Topotheken machen nun Material sichtbar, das in privaten Zusammenhängen kaum auffindbar wäre. Einzelne Gemeinden, Vereine oder Unternehmen richten Topotheken ein. In Österreich geschieht das fast schon flächendeckend. Nun schwappt der Trend nach Bayern. In Niederbayern ist Julbach (neben Hauzenberg, Metten, Neustift bei Ortenburg, Stephansposching, Thyrnau und Waldkirchen) die siebte Gemeinde, die mitmacht.
Wer eine Topothek einrichten will, braucht nicht viel. Für die Gebühr zu Beginn und die jährliche Bereitstellung braucht man in der Regel eine engagierte an ihrer Geschichte interessierte Gemeindeverwaltung. Den wertvollsten Beitrag leisten aber – wie oft in der Kultur – Ehrenamtliche. Sie werden hier „Topothekare“ genannt, sammeln und motivieren ihre Mitbürger, Material einzureichen. Sie digitalisieren, verorten Motive und Fundorte auf einer Satellitenkarte, benennen und beschreiben, was zu sehen ist. Die Eingabe ist dabei so eingerichtet, dass man hierfür weder Historiker noch IT-Experte sein muss.
Und wenn die Topothekare nicht weiterwissen? Dann fragen sie einfach ihre Besucher. Dafür gibt es eine Rubrik mit großem Fragezeichen: „Ungeklärt“. Auf der Julbach-Topothek findet man zurzeit ein Klassenfoto aus den Jahren 1936/37. Den Lehrer konnte man bereits namentlich festmachen: Benno Hansbauer. Aber: Wer war die Hilfslehrerin? (auf dem Foto rechts mit einem Rahmen eingefasst). Sachdienliche Hinweise nehmen die Topothekare entgegen. Einfach auf „beantworten“ klicken!
Kontakt zur Topothek Julbach: topothek@burgfreundejulbach.de
Dr. Ludger Drost
