Drei neue niederbayerische Münster

Niederbayern hat innerhalb weniger Monate in Sachen Kirchentitel ein erstaunliches „Upgrade“ erlebt. Gleich drei Kirchen wurden vom Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer in den Rang eines Münsters erhoben: Die Stadtpfarrkirche St. Johannes in Dingolfing (8. Oktober), die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Deggendorf (12. Oktober) und zuletzt die ehemalige Klosterkirche St. Anna in Gotteszell (16. November).
Grund dafür ist das Heilige Jahr, das sich der Diözesanbischof zum Anlass nahm und die Möglichkeit eröffnete, sich für diese Auszeichnung zu bewerben. Der Kriterienkatalog war gar nicht leicht zu erfüllen, darunter war etwa, dass die Kirche in der Ortsgeschichte eine kontinuierlich hohe Bedeutung für das religiöse Leben besitzen sollte. Sie sollte darüber hinaus auch in der Diözese einen gewissen Bekanntheitsgrad haben, ein klösterlicher Ursprung sei von Vorteil. Das Gotteshaus sollte architektonisch und künstlerisch von hervorragender Bedeutung sein. Auch die Ausstattung mit einer großen und wertvollen Orgel und die Pflege der sakralen Musik empfehle sich für eine Erhebung.
Gerade der klösterliche Hintergrund war wohl auch bei der St. Anna Kirche in Gotteszell mit ein wichtiger Grund. Die Entstehung des Zisterzienser-Klosters Gotteszell geht auf das Jahr 1285 zurück. Die Kirche, die der Heiligen Mutter Anna geweiht ist, wurde im Jahr 1339 fertiggestellt. „Das dreischiffige Kirchenschiff wurde bereits im Mittelalter erfurchtsvoll als Anna-Münster bezeichnet. Die romanische Basilika erhielt durch die Gebrüder Asam eine kunsthistorisch wertvolle Ausstattung, die jene in der Umgebung weit überragt“, hob der Bischof hervor. Er verwies zudem auf die einst blühende Anna-Wallfahrt sowie auf die besondere Orgel der Firma Jann und die intensive Pflege der Kirchenmusik.
Für die drei Orte und ihre Einwohner war der Tag der Erhebung sicherlich „erhebend“ im eigentlichen Sinne. Schließlich bekommt man nicht alle Tage ein Münster.Nach der Eucharistiefeier segnete Bischof Rudolf jeweils die neuen Gedenktafeln, die künftig an die Münstererhebung erinnert.
Manuela Lang
Joseph, lieber Joseph mein – eine musikalische Spurensuche

„Joseph, lieber Joseph mein“ ist heute eines der bekanntesten Weihnachtslieder. Die Melodie hat ihren Ursprung im weihnachtlichen Choral „Resonet in laudibus“, der sich in zahlreichen Handschriften des 14. Jahrhunderts findet. Mit einem deutschen Text erschien das Lied erst nach der Reformation, nämlich im „Geistlichen Gesangbüchlein“ des evangelischen Kantors, Chorleiters und Komponisten Johann Walters (1496–1570), ein Bundesgenosse und tatkräftiger Unterstützer Martin Luthers.
1864 hat Johannes Brahms diese Melodie für sein 1864 komponiertes „Geistliches Wiegenlied“ für Altstimme, Bratsche und Klavier Op. 91/2 verwendet. Hier ist es nicht die Gesangsstimme, in der die Melodie des Weihnachtsliedes erscheint, sondern es ist umgekehrt: Bratsche und Klavierstimme bilden mit der Melodie bzw. Motiven der Melodie den Rahmen, in dem sich die Gesangsstimme mit einem ganz anderen Text und einer ganz anderen Melodie bewegt. Der Text dieser „Gegenmelodie“ stammt von Lope de Vega (1562–1635) aus „Cantarcillo de la Virgen“, übersetzt von Emanuel Geibel (1815–1884):
Die ihr schwebet
Um diese Palmen
In Nacht und Wind,
Ihr heilgen Engel,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Ihr Palmen von Bethlehem
Im Windesbrausen,
Wie mögt ihr heute
So zornig sausen!
O rauscht nicht also!
Schweiget, neiget
Euch leis und lind;
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Der Himmelsknabe
Duldet Beschwerde,
Ach, wie so müd er ward
Vom Leid der Erde.
Ach nun im Schlaf ihm
Leise gesänftigt
Die Qual zerrinnt,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Grimmige Kälte
Sauset hernieder,
Womit nur deck ich
Des Kindleins Glieder!
O all ihr Engel,
Die ihr geflügelt
Wandelt im Wind,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
Brahms destilliert die bekannte Melodie auf instrumentale Weise und bildet so einen durch den Filter der instrumentalen Klangfarbe verfremdeten vokalen Boden für die Altstimme, die ab Takt 13 mit einer ganz anderen Melodie anhebt. Außerdem verwebt Brahms in der Folge auf kontrapunktische Weise motivische Elemente des Weihnachtsliedes mit der Melodie der Gesangsstimme. Die vollständige Melodie des Weihnachtsliedes aber erklingt nur als Brücke zwischen den Strophen in der Stimme der Bratsche.

Brahms hat das Geistliche Wiegenlied zu der Zeit geschrieben, als sein enger Freund Joseph Joachim (1831–1907) und seine Frau Amalie (1839–1899) ihr erstes Kind erwarteten, dem sie den Namen Johannes gegeben haben, womit sie dem Freunde eine Freude bereiten wollten. Joseph Joachim war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Geiger des 19. Jahrhunderts für den zum Beispiel die Violinkonzerte von Max Bruch (1838–1920) und Johannes Brahms geschrieben wurden und von denen Joachim die Solopartie maßgeblich beeinflusst hat. Joachim war selbst ein bekannter Komponist und Brahms hat Joachim, der seinen Werken den Weg in das Musikleben geebnet hat, oft um Rat gefragt, was die etwa 500 erhaltenen Briefe, die die beiden ausgetauscht haben unter Beweis stellen. Ihre Freundschaft wäre fast wegen der Scheidung von Joachim und seiner Frau Amalie, eine sehr bekannte Altistin, zerbrochen. Bei dieser Scheidung, aufgrund von Joachims maßloser Eifersucht, der seiner Frau eine Affäre mit dem Musikverleger Fritz Simrock (1837–1901) vorwarf, hat Brahms Partei für Amalie ergriffen, weswegen es zum Bruch zwischen den Freunden kam; erst recht, als Amalie im Lauf des Scheidungsprozesses einen vertraulichen an sie adressierten Brief von Brahms dem Gericht vorlegte, in dem er Joachims maßlose Eifersucht als unglückliche Charaktereigenschaft bezeichnete. 1887, nachdem Brahms und Joachim drei Jahre kein Wort miteinander gesprochen hatten, komponierte Brahms, als Zeichen der Versöhnung, das Doppelkonzert für Violine und Violoncello a-Moll Op. 102 und bat Joachim um Mitarbeit und Hilfe bei der Solopartie, womit die Freundschaft glücklich wiederhergestellt war.
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Das Großfürstentum Litauen und seine Beziehungen zu Bayern: Eine vergessene Verbindung mit aktueller Relevanz

Im Jahr 2021 sollte eine Ausstellung im Nationalmuseum im Palast der Großfürsten von Vilnius die Beziehungen zwischen Litauen und Bayern thematisieren. Die Planungen waren weit fortgeschritten, doch Corona machte alle Ausstellungspläne zunichte. Dennoch wurde ein Ausstellungskatalog mit dem Titel „Litauen und Bayern. Dynastische Heiratspolitik und staatliche Beziehungen“ in Vilnius veröffentlicht. Dieser ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerung an eine wenig bekannte europäische Verbindung. Tatsächlich waren die Kontakte zwischen Bayern und dem Großfürstentum Litauen über die Jahrhunderte eher sporadisch. Politische Allianzen oder intensiver Handel existierten kaum. Doch es gab bedeutende dynastische und kulturelle Berührungspunkte und überraschende Parallelen im historischen Streben beider Länder nach Eigenständigkeit: Während Bayern über Jahrhunderte im Heiligen Römischen Reich seine Autonomie zu behaupten suchte, kämpfte Litauen um seine Unabhängigkeit gegenüber Polen und später gegen den imperialen Druck Moskaus.
Dynastische Verbindungen. Die Hochzeit von Landshut 1475
Dem Großfürstentum Litauen standen über Jahrhunderte hinweg die Jagiellonen vor. Diese stellten von 1386 bis 1572 zugleich die Könige von Polen. Als europäische Herrscherdynastie verehelichten sich Angehörige der Jagiellonen mit anderen europäischen Adelshäusern. Die älteste Tochter des polnischen Königs Kasimirs IV (1427–1492), Hedwig Jagiellonica (1457–1502), vermählte sich im Jahr 1475 mit Herzog Georg dem Reichen (1455–1503) von Bayern Landshut. Diese Hochzeit war eines der glanzvollsten Feste des Spätmittelalters. Hedwig zog seinerzeit mit rund 1.200 Reitern von Polen nach Landshut. Bei der Hochzeit spielte der litauische Adel eine wichtige Rolle. Albert Moniwid der Ältere, ein Vertreter der litauischen Adelsfamilie der Moniwid (Manvydas) begleitete mit mehreren polnischen Adelsfamilien die Prinzessin nach Bayern. Sein persönliches Gefolge bestand aus 50 Personen. Leider überliefern die Quellen keine Namen, es wird aber berichtet, dass allein vier Personen nach türkischer Art gekleidet waren. Professor Rimvydas Petrauskas von der Universität Vilnius vermutet, dass es eigentlich „tartarischer“ Art heißen müsse. Bei den Feierlichkeiten und dem Ritterturnier trat Albert Moniwid gegen Herzog Christoph den Starken an. Er unterlag und machte dafür Herzog Christoph den Turnierpreis und ein kostbares Pferd zum Geschenk. Das Großfürstentum Litauen, aus dem Moniwid stammte, umfasste ein Gebiet, das sich über das Territorium der heutigen Staaten Litauen und Belarus und den größten Teil der Ukraine bis hin zum Schwarzen Meer erstreckte. Gegen das expandierende Großfürstentum Moskau musste sich Litauen häufig militärisch behaupten. 1514 gelang Hedwigs Bruder Sigismund (1467–1548) ein bedeutender Sieg bei Orscha gegen das moskowitische Heer. Ein Ereignis, das in der russischen Geschichtsschreibung bis heute kaum Erwähnung findet.
Kulturelle und akademische Beziehungen
Neben den dynastischen Beziehungen sind aber ab Ende des 15. Jahrhunderts auch Arbeitsaufenthalte von Handwerkern aus Augsburg und Nürnberg in Vilnius nachweisen. Ab dem 16. Jahrhundert immatrikulierten sich zudem litauische Adelige an der Universität Ingolstadt. Ingolstädter Juristen wie Simon Dilger und Johann Georg Schauer lehrten im 17. Jahrhundert an der juristischen Fakultät der Universität Vilnius. Später vermählte sich der bayerische Kurfürst Max Emanuel (1662–1726) mit Therese Kunigunde Sobieska (1676–1730), der Tochter des Königs von Polen und Großfürsten von Litauen Johann Sobieski (reg. 1674–1696). Therese Kunigunde hinterließ einen unauslöschlichen Fußabdruck in der Geschichte Bayern.
Erinnerung und Symbolik in der Gegenwart
Im Jahr 1903 wiederbelebten die Landshuter das Hochzeitsfest von 1475 und spielten es erstmals nach. Als historisches Dokumentarspiel wird die Landshuter Hochzeit alle vier Jahre mit großem Aufwand und Liebe zum Detail vom Verein „Die Förderer“ aufgeführt. Dieses Jahr fand zwar keine „Landshuter Hochzeit“ statt, da die nächste Aufführung erst 2027 veranstaltet wird, doch die Förderer feierten diesen Sommer das Burgfest. Im Rahmen dessen wurde dem Publikum erstmals die nach historischen Vorbildern gefertigte neue Königsstandarte der polnischen Gesandtschaft präsentiert. Damit soll das Königreich Polen-Litauen bei der Landshuter Hochzeit für die Öffentlichkeit sichtbarer gemacht werden. Dies geschieht zu einer Zeit, in der Litauen erneut seine Unabhängigkeit und Identität selbstbewusst verteidigt. Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage, besondere durch den Krieg in der Ukraine und durch die Bedrohung Russlands an der NATO Ostflanke bekommt die Erinnerung an das historische Ringen Litauens gegen moskowitische Vorherrschaft eine neue Dringlichkeit und Relevanz.

„Die vom Kunstlehrer Tobias Weger Behl und vom Historiker Benedikt Schramm nach historischen Vorbildern angefertigte Königsstandarte. Die Standarte ist viergeteilt: Sie zeigt oben links und unten rechts den polnischen Adler auf rotem Grund, das Wappentier des Königreichs Polen. Gegenüber ist der sogenannte Vytis, ein Ritter im Harnisch auf einem silbernen Pferd. Der Ritter repräsentiert das Großfürstentum Litauen.“ © Die Förderer e.V.
Mario Tamme
Ein künftiger Weltstar in Straubing: Curd Jürgens

Die junge Generation kennt ihn nicht mehr: den „normannischen Schrank“, wie ihn die französische Schauspielerin Brigitte Bardot einst wegen seiner mächtigen Statur, seiner blonden Haare und blauen Augen nannte, den Schauspieler Curd Jürgens, der den Sprung auf die Weltbühne geschafft hatte. Wer ihn aber noch kennt, weiß meist nicht, dass ein Stück seiner Schauspielerkarriere auch in Niederbayern verlief.
Geboren am 13. Dezember 1915 in München als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und einer französischen Mutter, wuchs Jürgens vor allem in Berlin auf. Er arbeitete zunächst als Journalist, nahm Schauspielunterricht, hatte Engagements an Berliner und Wiener Theatern, wirkte mit bei Produktionen der Filmgesellschaft UFA, der „Drückeberger-Traumfabrik“, wie sich Jürgens später einmal zu seinen Engagements in nationalsozialistischer Zeit äußerte. Nach Kriegsende versuchte er in München einen Neustart. Er erhielt von der amerikanischen Militärregierung eine Theaterlizenz und tourte mit seiner „Münchner Gastspielbühne“ durch die bayerische Provinz. Denn hier belohnten die Leute die Schauspieler schon mal mit kostbaren Naturalien, während es in München an allem Lebensnotwendigen mangelte, wie Curd Jürgens in seinen Memoiren festhielt:
„Die ‚Münchner Gastspielbühne Curd Jürgens’ hat einen alten Opel mit Anhänger erworben. Im Anhänger sind die Dekorationen verstaut, im Auto das Ensemble. Ich sitze, in Kostüm und Maske, an der Kasse, bis der Vorhang aufgeht. Das Publikum rast. Zum Abschied am nächsten Morgen findet sich ein Teil der Bevölkerung vor dem Gasthaus ein, um uns zu bitten, wiederzukommen; es liefert Speckseiten, Landbrot und frische Eier ab, die wir im Anhänger unter Kostümen und Requisiten verstauen. Weiter geht’s nach Ingolstadt, Landshut, Deggendorf, Geiselhöring und Straubing.“
Theaterdirektor in Straubing
In Straubing bemühten sich die Stadtväter sehr, dem großen Hunger nach Kultur und Bildung, nach Unterhaltung und Ablenkung, der in der Nachkriegszeit herrschte, unter anderem mit der Gründung einer Volkshochschule und mit der Bespielung des Theaters entgegenzukommen. Das schöne Stadttheater am Theresienplatz mit seinen 420 Sitzplätzen war zwar von der Militärregierung beschlagnahmt, aber im Herbst 1945 für drei Tage in der Woche für die Zivilbevölkerung freigegeben worden. Als die „Münchner Gastspielbühne“ in Straubing auftrat, bot Oberbürgermeister Max Gerhaher Jürgens die Theaterdirektion an. Und dieser sagte zu: Am 26. November 1945 unterschrieb er den Pachtvertrag für das Straubinger Theater. In seinen Erinnerungen schrieb Jürgens hierzu:
„In Straubing ist das Theater gasbeheizt. Das bedeutet warme Garderoben. Ursula Herking kann endlich mit echtem Dekolleté auftreten, ohne die zwei Paar dicken wollenen Schlüpfer. Denn der Herbst 1945 ist saukalt. Der Bürgermeister beglückwünscht uns, bittet uns zu bleiben. Die Bevölkerung brauche geistige Nahrung, zu essen gäbe es im reichsten Gebiet Bayerns genug. Stars erhalten zur Gage ein Spanferkel, ein halbes Schwein, ein paar Gänse, je nach Rang und Namen. Denn es stellt sich heraus, das neue Zeitalter ist verdammt verfressen und geldgierig. Die Aufführungen gehen, in Straubing abgespielt, auf Tournee durch Bayern bis nach München, wo wir eine Wohnung und ein Büro einrichten. Fahren tun wir nachts nach den Vorstellungen. Wir kaufen Lastwagen, verpflichten Fernfahrer. Tagsüber Probe in Straubing oder München.“
Für die Annehmlichkeiten in Straubing saß Jürgens gerne auch selbst an der Kasse oder opferte die Luftschutzvorhänge seiner Münchner Wohnung für die Straubinger Bühne. Neben klassischen Theaterstücken wie „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“, die der Stadtrat ausdrücklich wünschte, widmete man sich vor allem der „leichten Muse“; beispielsweise wurde das von Jürgens verfasste Stück „Geliebter Michael“ aufgeführt. Zu Jürgens Ensemble zählten so bekannte Namen wie Karl Schönbeck, Axel von Ambesser, Ursula Herking, Theo Lingen oder die Wienerin Judith Holzmeister, die er dann 1947 heiratete.

Theaterprogramm für eine Aufführung des Stückes von Curd Jürgens „Geliebter Michael“ im Straubinger Stadttheater, 1946 (Stadtarchiv Straubing Sammlung Varia 462)
Ein Jahr lang pendelte Jürgens zwischen München und Straubing, wo er stets im „Hotel Wittelsbach“ wohnte und sich gerne im Gasthaus Seethaler oder in der Weinstube Klarl aufhielt. Sein Versuch, die Türmerstube im Stadtturm zu mieten, die es ihm offenbar angetan hatte, lehnte das Wohnungsamt wegen „Baufälligkeit der Treppen“ ab. Im Oktober 1946 überschrieb er seinen Pachtvertrag an den Schauspielerkollegen Viktor Becker und beendete damit seine „herrliche erste Nachkriegs-Schmierenzeit“. Curd Jürgens ging nach Wien und schließlich nach Hollywood und machte dort Weltkarriere – den internationalen Durchbruch schaffte er mit dem Film „Des Teufels General“ nach dem Drama von Carl Zuckmayr; unvergessen ist er als Karl Stromberg, Gegenspieler von James Bond, in „Der Spion, der mich liebte“. Das Straubinger Theaterleben unter dem neuen Leiter Becker hingegen mündete im „betrügerischen Konkurs“.
„ … und kein bißchen weise“
Curd Jürgens, der seit 1946 die österreichische Staatsbürgerschaft hatte, war Theater-, Film- und Fernsehschauspieler gleichermaßen, wobei er einmal äußerte: „Den Film mag ich, er bringt Geld und Popularität, doch ein wahrer Schauspieler muss sich immer wieder auf der Bühne beweisen.“ Er stand von 1935 bis 1980 auf der Bühne, u.a. am Berliner Theater am Kurfürstendamm, am Bayerischen Staatsschauspiel in München, am Wiener Burgtheater. In etwa 160 Filmen spielte er mit, wobei er zu den wenigen deutschsprachigen Schauspielern gehörte, die weltweite Anerkennung erfuhren. Daneben betätigte er sich als Rezitator literarischer Werke und sogar als Sänger – am bekanntesten ist wohl sein 1975 aufgenommenes Chanson „60 Jahre – und kein bißchen weise“.
Jürgens, der fünfmal verheiratet war, liebte einen luxuriösen Lebensstil, ähnelte hier Hugo von Hofmannsthals reichem „Jedermann“, den er von 1973 bis 1977 bei den Salzburger Festspielen eindrucksvoll verkörperte, mit Senta Berger als Buhlschaft an seiner Seite. Auf üppiges Essen, Trinken und Rauchen verzichtete der „geistreiche Lebemann“ trotz zunehmender Herzprobleme nicht. Curd Jürgens starb am 16. Juni 1982 in Wien. Er wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof bestattet – so wie es ihm entsprach, in einer extravaganten, bis heute einzigartigen Nachtzeremonie, im Beisein von 3000 Bewunderern.
Dorit-Maria Krenn
Quellenhinweis:
Stadtarchiv Straubing EAPl 3-1/2, 804-3, Sammlung Varia 462; Curd Jürgens, … und kein bißchen weise, Locarno 1976.
Ein neues Juwel dicht hinter der Grenze – Das Museum für Hinterglasmalerei in Kvilda (Außergefild)

Eines Tages, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, stach den böhmischen Schriftsteller Josef Meßner offensichtlich der Hafer: Im „Neuen Wiener Volkskalender“ machte er sich über den Außergefilder Bilderfabrikanten Johann Verderber lustig. Er sei ein „Verderber des guten Geschmacks“. Mit dem etwas platten Wortspiel erregte Meßner zwar Aufsehen, aber er lag mit seiner Einschätzung gründlich daneben. Die Außergefilder Hinterglasbilder waren damals beim breiten Volk äußerst beliebt, sie verkauften sich prächtig. Allerdings wurden die schlichten, aber gerade deshalb so eindringlichen Hinterglasbilder auch von hochrangigen Künstlern sehr geschätzt. Man denke nur an die Maler des „Blauen Reiter“, die sich in ihrer Neuausrichtung der Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Hinterglasbildern aus Böhmen maßgeblich inspirieren ließen. Der Außergefilder Hinterglasbildmalerei wurde nun durch ein Museum in Kvilda ein würdiges Denkmal gesetzt.
Wie kam die Hinterglasmalerei nach Außergefild? – Ein „Steuersparmodell“ Raimundsreuter Maler
Der entscheidende Impuls für die Entstehung der Hinterglasmalerei in Außergefild ging von dem im Fürstbistum Passau gelegenen Bayerwald-Dorf Raimundsreut aus. Hier etablierte sich etwa seit der Mitte der 1770er Jahre die Hinterglasmalerei. Vor allem die berühmte Kreuzberger St.Anna-Wallfahrt hatte die Nachfrage nach Devotionalien enorm ansteigen lassen. Mit den farbigen Hinterglasbildern aus dem in Sichtweite zum Kreuzberg gelegenen Dorf Raimundsreut konnte man diese Nachfrage bedienen. Die Malerfamilien Hilgart aus Kreuzberg bzw. Vierhäuser und Peterhansl in Raimundsreut begründeten das klassische Raimundsreuter Hinterglasbild. Sie entwickelten daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Als Berufsmaler hatten sie kaufmännisch zu denken. Da gab es dann u.a. folgende Fragen zu klären: Wie gelangt man an den teuren Rohstoff Glas? Welche neuen Absatzmärkte kann man erschließen? Und ja, wie kann man Steuern und Abgaben sparen?
Die Lösung dieser Fragen fanden die Raimundsreuter Maler Johann und Bernhard Peterhansl sowie der Kreuzberger Maler Kaspar Hilgart in Außergefild jenseits der Grenze zu Böhmen, nur wenige Kilometer von Finsterau entfernt. Schon seit etwa 1780 hatte man über den „Goldenen Steig“ Hinterglasbilder nach Außergefild gehandelt. Und nun begründeten die drei Maler dort gegen Ende der 1780er Jahre eine inoffizielle „Außenstelle“ der Raimundsreuter Hinterglasmalerei. Das Glas bezogen sie sehr preisgünstig aus den nahegelegenen böhmischen Glashütten, zudem ersparte man sich die Ausfuhrzölle und auch die Gewerbesteuer. Das Geschäftsmodell florierte. Innerhalb von 10 Jahren produzierten die drei Maler in Außergefild Bilder für ca. 10 000 Gulden. Eine beträchtliche Summe, für die man z.B. drei stattliche Anwesen hätte erwerben können. Im Jahr 1798 aber schöpfte der böhmische Fiskus Verdacht: Man witterte, nicht ganz zu Unrecht, Steuerhinterziehung. Die Prager Behörden setzten die Raimundsreuter Maler unter Druck, sie sollten sich dauerhaft in Außergefild niederlassen, ansonsten bekämen sie Gewerbeverbot. Zähneknirschend zogen nun die Gebrüder Peterhansl und Kaspar Hilgart nach Außergefild um. Damit entwickelte sich Außergefild zur Geburtsstätte der böhmischen Hinterglasmalerei – mit Malern aus Raimundsreut und Kreuzberg als „Geburtshelfer“.
Die Malerfamilie Verderber
Den Vertrieb der Hinterglasbilder übernahmen Kraxenträger, die als Hausierer die zerbrechlichen Bilder mit ihren Rückengestellen oft über weite Strecken zu den Empfängern trugen. Viele dieser Hausierer stammten aus Krain im heutigen Slowenien. Diese „Krainer“ nannte man im Volksmund „Kraner“. Mit den Raimundsreuter Malern kam auch der in Krain geborene „Kraner“ Michael Verderber nach Außergefild, wo er 1792 heiratete und ansässig wurde. Der eigenartige Name könnte auf den damaligen Ort „Verderb“ in Krain zurückgehen. Michael Verderber betätigte sich dabei nicht nur als Hausierer, sondern auch als Hinterglasmaler.
Vermutlich verwaltete Michael Verderber die Außergefilder „Außenstelle“ der Raimundsreuter Maler in deren zeitweiliger Abwesenheit. Als die Gebrüder Peterhansl und Kaspar Hilgart schließlich wieder dauerhaft in ihre alte Heimat zurückkehrten, führte Michael Verderber die Glasmalerei in Außergefild weiter. Er leitete nun eine eigenständige Entwicklung der Außergefilder Bilder ein. Um 1818 übernahm Johann Verderber (1793-1870), der Sohn von Michael Verderber, die Werkstatt. Er baute einen straff organisierten, wirtschaftlich sehr erfolgreichen Betrieb zur Produktion von Hinterglasbildern auf. Dazu gehörte auch noch eine Gastwirtschaft mit ausgezeichneter Küche. Die Bilder wurden in Arbeitsteilung hergestellt. Johann Verderber beschäftigte etwa 10 – 15 Personen als Malergesellen, Risszeichner, Farbenreiber, Rahmenmacher usw. Mit dieser rationellen Produktionsweise entstanden in den 1840er Jahren in Außergefild jährlich bis zu 40 000 Bilder. Der tüchtige Geschäftsmann Johann Verderber brachte es durch die Produktion und den Vertrieb der Bilder zu beträchtlichem Wohlstand.
Einige Jahre vor dem Tod seines Vaters Johann Verderber im Jahr 1870 übernahm Franz Verderber die Werkstatt. Auch unter seiner Führung florierte das Geschäft. Es ist erstaunlich, dass sich die Außergefilder Hinterglasmalerei sogar lange Zeit gegen die Konkurrenz des billigeren Öldrucks behaupten konnte. Das war der Raimundsreuter Hinterglasmalerei nicht gelungen. Das Ende der Außergefilder Hinterglasmalerei wurde dann jedoch im Jahr 1881 abrupt besiegelt: Ein Brand zerstörte das gesamte Verderber-Anwesen samt Werkstatt, Inventar und Rissvorlagen. Zwar errichtete Franz Verderber ein neues Haus, doch die Schuldenlast war zu groß. Im Jahr 1886 wurde das neue Anwesen versteigert. Damit fand die Außergefilder Hinterglasmalerei ihr endgültiges Ende.
Die Außergefildener Bilder – Entwicklung eigenständiger Stilelemente
Anfänglich ähnelten sich die Bilder aus Raimundsreut und Außergefild verständlicherweise sehr stark. Aber allmählich entwickelten die Außergefilder Bilder ihren eigenen Stil: Rot- und Brauntöne im Gesicht, spezielle Blautöne, typische Gesichtsformen und eigenständige Dekorelemente, z.B. in Sternchenform. An Bildarten gab es ursprünglich Goldschliffbilder, Spiegelbilder und Farbbilder. Später dominierten dann die Kartuschbilder, häufig mit Sockelzonen mit kräftiger Schrift.
Das neue Museum in Außergefild
An prominenter Stelle im Ort Kvilda, direkt neben der Kirche, entstand das neue Museum für die Außergefilder Hinterglasmalerei. Parallel dazu wurde auf bayerischer Seite das „Hinterglaseum“ in Schönbrunn am Lusen errichtet. Beides sind „Spiegelprojekte“ Rahmen eines Interreg-Programms. Das Grenzüberschreitende zeigt sich auch darin, dass Marina Reitmaier-Ranzinger, die frühere Kulturmanagerin des Landkreises Freyung-Grafenau, einen wertvollen Beitrag leistete im Hinblick auf die Begründung des Außergefilder Museums. Zudem verbindet, ebenfalls grenzüberschreitend, ein Wander- bzw. Radweg über Finsterau und Buchwald die beiden Museen.
Im Außergefilder Museum werden die originalen Hinterglasbilder in edel anmutenden, raffiniert beleuchteten Vitrinen präsentiert, Schautafeln informieren zweisprachig über die Geschichte der Außergefilder Hinterglasmalerei. Ein Videofilm schildert sehr anschaulich, wie ein Hinterglasbild entsteht. Die mit üppig bemalten „Leinwandtapeten“ versehenen Wände der Museumsräume leuchten farbenfroh, sie zeigen im Großformat typisch Bildmotive der Außergefilder Malerei. Im Untergeschoss des Museums gibt es einen großzügigen Werkraum, in dem Gäste gegen einen kleinen Unkostenbeitrag selber Hinterglasbilder malen dürfen. Hierfür ist eine Anmeldung erforderlich. Dieses Angebot wird, so der Bürgermeister von Kvilda Radek Thér, sehr gut angenommen. Im gleichen Gebäude befindet sich zusätzlich auch noch ein Heimatmuseum.
Eine feuchtfröhliche Pointe – „Verbrüderung“ des Johann Verderber mit seinem Kritiker
Die oben erwähnte höhnische Kritik des Schriftstellers Josef Meßner hatte Johann Verderber schwer erzürnt. Er schwor bittere Rache, wenn es der Schriftsteller wage, nach Außergefild zu kommen. Persönlich kannte er Meßner nicht. Als dieser von dem angedrohten Rachefeldzug erfuhr, reiste er nach Außergefild und quartierte sich inkognito im Gasthaus des Johann Verderber ein. Im Schankzimmer traf er auf eine gutgelaunte Gesellschaft. Der Wirt Johann Verderber führte das große Wort. Im Laufe des sehr feuchtfröhlichen Abends kam es dann zur Verbrüderung des Wirts mit dem sich sehr leutselig gebenden Fremden, einschließlich Bruderkuss. Als Meßner sich schließlich „outete“, nahm der verblüffte Wirt von seinen Rachegelüsten Abstand. Ein Happy End in Außergefild!
Kontakt: E-Mailadresse: muzeum.kvilda@sumavanet.cz
Homepage: www.muzeumkvilda.cz
Literatur:
Reitmaier-Ranzinger, Marina, Die Hinterglasmalerei in Außergefild (unveröffentlichtes Typoskript, o.J.).
Schuster Raimund, Das Raimundsreuter Hinterglasbild, Morsak Verlag, Grafenau, 1980.
Stiess, Friedrich, Die ersten Glasbilder in Böhmen (Titel der deutschen Übersetzung). In: Cesky lid, 42. Jg., Prag 1955, Nr. 3, S. 129-130.
Gerhard Ruhland
Unsichtbare Kultur?

2023 wurde von der UNESCO der Internationale Tag des Immateriellen Kulturerbes ins Leben gerufen. Weltweit finden seither am 17. Oktober Aktionen und Veranstaltungen statt, die die Vielfalt des immateriellen Kulturerbes sichtbar machen und aufzeigen, dass es sich um Überlieferungen handelt, die auch heute noch aktiv praktiziert und weitergegeben werden. Unter dem Begriff Immaterielles Kulturerbe versteht man über Generationen weitergegebene Traditionen, Kenntnisse und Praktiken wie mündliche Überlieferungen, traditionelle Handwerkskünste sowie Tanz, Musik und Theater. „Unsichtbar“ sind diese kulturellen Ausdrucksformen also nur bedingt: Zwar sind sie nicht materiell greifbar, doch sie zeigen sich auf vielfältige Weise, etwa als handwerkliche Fertigkeit oder hörbare musikalische Äußerung.
Niederbayern und die Oberpfalz sind reich an lebendiger Kulturtradition. Teil des immateriellen Kulturerbes in der Oberpfalz sind zum Beispiel „Der Drachenstich“ in Furth im Wald, der „Kötztinger Pfingstritt“, Spitzenklöppeln oder das einzigartige Zoigl-Bier, aus Niederbayern stehen beispielsweise das Englmarisuchen, die Studioglasbewegung oder die Kerzenwallfahrt zum Bogenberg auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes. Bereits 2016 wurde der Zwiefache vom Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission ins das Bundesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Musikgattung wurde als identitätsstiftende Kulturform gewürdigt, die in großer Vielfalt erscheint und generationsübergreifend begeistert. Die bayerisch-böhmische Musikspezialität, die sich durch einen Wechsel zwischen Dreiviertel- (Walzer) und Zweivierteltakt (Dreher) auszeichnet, wird sowohl musiziert als auch getanzt und gesungen. Die älteste bayerische Schriftquelle, die einen Zwiefachen enthält, ist eine um 1740 datierte Musikhandschrift im Stadtarchiv Amberg. Schon in den frühen 1930er Jahren brachten die Umfragen des „Atlas der deutschen Volkskunde“ mehrere hundert Belegorte für Zwiefache in Bayern hervor. Heute ist der Zwiefache – auch dank intensiver Pflege und Weitergabe durch die bayerischen Institutionen der Volksmusikpflege – fester Bestandteil der bayerischen Volksmusikszene. Hauptverbreitungsgebiete sind Niederbayern und die Oberpfalz, doch begegnet er auch in vielen weiteren bayerischen Regionen und in Österreich.
Um den Zwiefachen erlebbar zu machen und die kulturelle Ausdrucksform aktiv zu praktizieren, bieten die Bezirke Niederbayern und Oberpfalz zum Tag des immateriellen Kulturerbes einen Tanz- und Mitspielabend an, zu dem alle Interessierten eingeladen sind: Am 17. Oktober 2025 wird im Gasthaus Hofmark Eins, Hofmark 1 in Mallersdorf-Pfaffenberg eine bunte Auswahl an Zwiefachenmelodien vorgestellt, zu denen getanzt werden kann. Der Akkordeonist und Zwiefachen-Spezialist Willi Bauer aus Passau spielt einfache und verzwickte Zwiefache aus seinem Repertoire. Instrumentalisten sind eingeladen zum auswendigen Mitmusizieren, und natürlich darf auch einfach nur zugehört werden. Der Eintritt ist frei!
Eine weitere musikalisch überlieferte Ausdrucksform feiert der Bezirk Niederbayern gemeinsam mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V. am 18. Oktober 2025: Das Gstanzlsingen, das mit gereimten, teils spontan erdachten Vierzeilern auf humoristische Weise wirkliche und erfundene Begebenheiten vorträgt. Anlässlich des 50. Todestages des Roider Jackl, Bayerns bekanntestem Gstanzlsänger, findet im Freilichtmuseum Massing ein Abend rund ums Gstanzlsingen statt. Renate Maier und Andreas Aichinger, beide langjährig versiert in der tradierten Kunst des Vierzeilergesangs, geben Gstanzl aus ihrem Repertoire zum Besten. Daneben spielt die Gruppe ZechFreiStil freche bayerische Wirtshauslieder und mitreißende selbstgemachte Musik. Auch zu dieser Veranstaltung ist der Eintritt frei, sie wird gefördert von der Rosner & Seidl-Stiftung.
Weitere Infos zu beiden Veranstaltungen bietet die Homepage https://www.volksmusik-niederbayern.de/aktuelles/.
Veronika Keglmaier
Foto: Marcus Rebmann
Kultur auf vier Beinen

Was wäre ein prachtvoller Festzug in Bayern, zumal auf dem Oktoberfest, ohne geschmückte Prachtrösser und Kutschen? Eben. Wenige würden am Straßenrand stehen, wenn Traktoren die festlichen Brauereiwägen zur Münchner Wiesn ziehen würden. Deshalb braucht es Menschen wie Martin Pauli aus Katzenbach bei Böbrach im Landkreis Regen. Der 51-Jährige ist ein handwerklicher Tausendsassa: Schmiedemeister, Metallbaumeister, Wagenbauer, Kutscher, Pferdezüchter, Landwirt – er kann viel, macht aber kaum Aufhebens darum, wie es gemeinhin die Art der Waidler ist. Seine Aufträge sind dementsprechend vielseitig, in der Festesaison wird er aber vor allem für Umzüge mit seinen Rössern gebucht. Die Anfragen kommen sogar aus Österreich. Seit einigen Jahren ist er auch auf dem größten Volksfest der Welt im Einsatz. Am Oktoberfest zieht er für Hofbräu in München die Brauereikutsche durch die Straßen der bayerischen Hauptstadt. Und das nicht nur beim großen Festumzug am ersten Tag, sondern jeden Tag solange die Wiesn läuft.

Für jedes Gespann ein Zertifikat
Während die Vorschriften früher noch weniger streng waren, braucht man heute (bedingt durch manchen Unfall in der Vergangenheit) für jedes Gespann einen eignen Fahrkurs. Und weil diese nun Pflicht sind, sind die Kurse natürlich teurer als früher. „Zum Glück haben meine Frau Ramona und ich die meisten Kurse schon damals gemacht“, sagt Martin Pauli. Und so konnte er auch die hohen Auflagen beim Oktoberfest erfüllen, nachdem ein Kollege, für den er schon länger im Auftrag mitgefahren war, verstarb und Pauli selbst den Job übernahm. Untergebracht ist er während der 17 Tage Wiesn im Zirkus Krone, wo er morgens um 6 Uhr die Pferde putzt und schmückt und um 11 Uhr mit dem Brauereiwagen losfährt, um bis 16 Uhr auf dem Oktoberfestgelände präsent zu sein. Dort wird schnell klar, warum es einen Profi braucht – sowohl im Umgang mit Pferden, als auch mit Menschen. „Man kann es sich nicht vorstellen, wie es da zugeht. Ich wundere mich jedes Mal, wo die ganzen Leut‘ überall herkommen.“ Natürlich hat er auch einige Anekdoten parat.

Anekdoten von der Wiesn: „Es ist da Wahnsinn“
Manch ein Gast, der zu tief in den Maßkrug geschaut hat, möchte auf den Pferden reiten. Andere schieben den Kinderwagen samt Kinder unter die Pferde, damit die Kleinen die Tiere ganz hautnah streicheln können… „Es is da Wahnsinn“, fasst es Martin Pauli zusammen. Allerdings hat er vor Ort die nötige Befugnis, auch mal die Security zu rufen, wenn es zu weit geht. Seine Pferde indes müssen ihm aufs Wort gehorchen und er muss sich auf die Tiere hundertprozentig verlassen können. „Nicht jedes Tier ist dafür geeignet.“ Diese „Gaudi“ mit den Pferden zu üben und auch das ein oder andere Tier weiterzuverkaufen, wenn es für diesen Zweck von seinem Naturell her nicht gemacht ist – das ist während des ganzen Jahres eine zeitintensive Herausforderung. hinzukommen auch Sondertrainings wie etwa das Lanzenstechen mit den Pferden, die bei der Landshuter Hochzeit eingesetzt werden. Seine belgischen, polnischen und süddeutschen Kaltblüter, die er Wilma, Tini oder Sofie nennt, sind also ein Stück bayerisches Kulturgut, das es ohne Menschen wie Martin Pauli nicht geben würde.
Manuela Lang
Fotos: Manuela Lang, Nicole Wandinger, Martin Pauli
In der Artothek Niederbayern: Georg Fuchssteiner

Am 25. September um 18:00 Uhr eröffnet die Artothek Niederbayern ihre erste Ausstellung mit dem Titel „Lüfterl“. Zur Eröffnung spricht Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl. Gezeigt werden Arbeiten von Georg Fuchssteiner aus Straubing-Bogen. Viele kennen den Künstler durch die dort ansässige Phantasiewerkstatt, die er gemeinsam mit KollegInnen betreibt. Hier befindet sich neben seinem eigenen Atelier ein Freiraum und offenes Atelier für alle mit einem Kursangebot für Kinder und Jugendliche sowie die Kunstgalerie Goldnuss.
In den Räumen der Artothek zeigt Fuchssteiner, der von 2003 bis 2009 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert hat, neue Arbeiten auf Papier und Leinwand. Unter dem Titel „Lüfterl“ werden Aquarelle und Malereien präsentiert, die durch ihre verspielte Leichtigkeit bestechen.
Im Bestand der Artothek befinden sich zwei Arbeiten von Georg Fuchssteiner. Die Ausstellung soll nun einen tieferen Einblick in das Schaffen des Künstlers ermöglichen.
Seine Arbeitsweise könnte man so beschreiben: „Der Künstler zeichnet und malt zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Das vielschichtige Werk von Georg Fuchssteiner verdeutlicht seine nie enden wollende Neugier und Offenheit für Kunst, Musik und Literatur. Dabei entstehen sowohl Bilder, die persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeiten, als auch solche einer fantastischen Bildwelt. Neben realistisch ausgearbeiteten Bildern schafft er auch intensive, zur Abstraktion neigende Werke, bei denen im motivisch verdichteten Bildraum dennoch immer wieder figürliche Elemente zu entdecken sind.“ (Zitat siehe Website der Galerie Jahn und Jahn, München)
Anette Röhr
Ode an die Freude – 250. Geburtstag eines „schlechten Gedichts“

Als Schiller im Frühjahr 1785 auf Einladung eines seiner Bewunderer, Christian Gottfried Körner (1756-1831) später Herausgeber der ersten Schiller-Gesamtausgabe, nach Leipzig reist, flieht er vor allem vor seinen Schulden. Weil sein 1783 geschlossener Vertrag als Theaterdichter am Mannheimer Theater ausläuft und Schiller bis über beide Ohren in Schulden steckt, sieht er keine andere Möglichkeit als die Flucht. Seine Lage ist derart schwierig, dass er fast im Schuldturm gelandet wäre. In Leipzig wird Schiller von Körner und seinem Freundeskreis herzlich aufgenommen. Er wohnt zeitweise auch in Körners Haus in Leipzig, aber vor allem ab September 1785 in dessen Weinberghaus in Loschwitz bei Dresden. Dank Körner kann er in Leipzig und Dresden frei von materiellen Sorgen u.a. an seinem Drama Don Carlos weiterarbeiten und außerdem viele wichtige Beziehungen knüpfen. Als Ausdruck von Schillers tiefempfundener Dankbarkeit zu seinem Freund und Mäzen Körner, entstand im Sommer 1785, wohl noch in Leipzig, die berühmte Ode an die Freude. In diesem Gedicht, obwohl ein ganz spontaner Ausdruck der Dankbarkeit, das auch Züge eines Trinklieds nicht vermissen lässt („Brüder, fliegt von euren Sitzen, Wenn der volle Römer kreist, Laßt den Schaum zum Himmel sprützen: Dieses Glas dem guten Geist“), formuliert Schiller ebenjene Gedanken, die vier Jahre später zur französischen Revolution führen, gleich in der ersten Strophe:
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Der geneigte Leser, die geneigte Leserin wird sich an dieser Stelle denken, „Moment, das ist nicht die Ode an die Freude, die ich kenne!“ Und das stimmt, denn die erste, 1786 gedruckte Fassung unterscheidet sich in entscheidenden Details von der von Schiller 1803 revidierten Fassung, die heute bekannt ist. Es scheint fast so, als habe sich Schiller für seinen Enthusiasmus des Jahres 1785 nachträglich geschämt, denn aus den Versen
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder
wird später:
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Und die letzte Strophe der ersten Fassung
Rettung von Tyrannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!
Auch die Toten sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
Und die Hölle nicht mehr sein.
streicht Schiller sogar komplett.
In einem Brief an Körner (Oktober 1800), 15 Jahre nach der Entstehung, schreibt Schiller sogar, das Gedicht sei schlecht:
„Die [Ode an die] Freude hingegen ist nach meinem jetzigen Gefühl durchaus fehlerhaft und ob sie sich gleich durch ein gewißes Feuer der Empfindung empfiehlt, so ist sie doch ein schlechtes Gedicht und bezeichnet eine Stufe der Bildung, die ich durchaus hinter mir lassen mußte um etwas ordentliches hervorzubringen. Weil sie aber einem fehlerhaften Geschmack der Zeit entgegenkam, so hat sie die Ehre erhalten, gewissermaaßen ein Volksgedicht zu werden. Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen; aber diese giebt ihm auch den einzigen Werth, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt noch für die Dichtkunst.“
In seinem eigenhändigen Werkverzeichnis hat Schiller das Gedicht lange absichtlich ausgelassen, obwohl die Ode an die Freude nicht nur heute, sondern schon zu Schillers Zeit ausgesprochen beliebt war, etwa als Studentenlied, und zahlreiche Vertonungen vorliegen. Heute ist fast ausschließlich die 1824 von Ludwig van Beethoven unternommene Vertonung bekannt, obwohl zum Beispiel Franz Schubert die Ode an die Freude bereits 1815 in der Besetzung für Singstimme und Klavier vertont hat:
Beethoven hat bereits 1793 und später immer wieder erwogen Schillers Gedicht in Töne zu setzen. 1812 schreibt er in eines seiner Skizzenbücher:
„Freude schöner Götterfunken – Ouvertüre ausarbeiten […] abgerissene Sätze wie Fürsten sind Bettler u.s.w. – nicht das Ganze“
Nach seiner achten Sinfonie wollte Beethoven eigentlich keine Sinfonie mehr schreiben. 1817 erreichte ihn jedoch ein Auftrag der Londoner Philharmonic Society, die Beethoven um die Komposition zweier Sinfonien und deren Uraufführung in London bat. Aber es dauert bis 1822 bis Beethoven, der mit den drei letzten Klaviersonaten und der Missa solemnis beschäftigt ist, dazu kommt im Kurort Baden bei Wien an den ersten drei Sätzen der 9. Sinfonie zu arbeiten, die er 1823 vollendet. Gegenüber der für uns heute wie selbstverständlich scheinenden Idee, den vierten Satz mit einem Chorfinale (Freude schöner Götterfunken) enden zu lassen, ist Beethoven während der Komposition in starke Zweifel geraten. Immer wieder denkt er über ein instrumentales Finale nach, sogar noch nach der Uraufführung am 7. Mai 1824. Dieses Chorfinale ist seit der Uraufführung bis heute ein großer Streitpunkt. Für den Komponisten Louis Spohr (1784–1859), ein Zeitgenosse Beethovens, ist es „monströs und geschmacklos und in seiner Auffassung der Schillerschen Ode […] trivial“. Der Dichter Ludwig Rellstab (1799–1860), der als Konzertberichterstatter über die Erstaufführung Ende November 1827 in Berlin schreibt, lobt besonders den zweiten Satz, das Scherzo, mit Abstrichen auch den ersten und dritten Satz, der vierte Satz hingegen sei problematisch:
„[V]om letzten Satz müsse man sagen, daß er an barocker Seltsamkeit alles überbietet, woran uns unser, an solchen Leistungen nicht arme Zeit, bisher zu gewöhnen gesucht hat. Es mischt sich aus dem Styl der ernsteren Kirchenmusik und der Opera buffa, und die Instrumentation trägt noch stets dazu bei, das Auffallende noch auffallender, das Unbegreifliche noch unbegreiflicher zu machen.“
Rellstab, der äußerst bewundernd über die dritte und fünfte Sinfonie geschrieben hat, formuliert hier das Grundproblem des vierten Satzes, denn Beethoven sprengt einerseits die Form der Sinfonie und „spricht“ auf der anderen Seite die Botschaft, die in der absoluten Instrumentalmusik steckt, die sich aber sonst unausgesprochen mitteilt (so wie etwa in der fünften Sinfonie das Motiv „per aspera ad astra“) ganz konkret aus. Beethoven versucht also im vierten Satz das Unsagbare auszusprechen. Zumindest die Utopie der revolutionären Gedanken Schillers, durch das Pathos des Chrofinales noch verstärkt, war 1824, zur Zeit der Restauration und des Metternichschen Überwachungsstaates noch viel größer als zur Zeit Schillers.
Christoph Goldstein
Fotos:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_van_Beethoven#/media/Datei:Beethoven.jpg
Kulturelle Sommerferientipps

Tor zur Hölle?
Früher haben die Menschen, weil sie dort, schenkt man einer uralten Sage Glauben, das Tor zur Hölle vermuteten (deswegen auch der Name Höllbachgspreng) diese Stelle gemieden. Heute kommen hier jedes Jahr viele tausend Wanderer auf ihr Weg zum Großen Falkenstein vorbei. Das Höllbachgspreng ist schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts für die Forstwirtschaft tabu und so hat sich mit der Zeit hier allmählich eine Art Urwald entwickelt. Richtige Urwälder, das sind Wälder, die sich vollkommen ohne den Einfluss des Menschen entwickelt haben, gibt es allerdings bei uns nicht mehr. Trotzdem ist die Wanderung auf den Großen Falkenstein immer ein Vergnügen und auch gar nicht anstrengend, vielmehr sehr abwechslungsreich, vor allem dann, wenn man den Rückweg über die Ruckowitzschachten nimmt. Schachten sind uralte Wiesen, auf denen jahrhundertelang das Vieh geweidet hat. Der Name Ruckowitzschachten hat einen lustigen Ursprung: Vermessungsbeamte, des kniffligen Dialekts unkundig, haben sich von der Bezeichnung „Ruckawies“, die nur Einheimische verwenden, Irre führen lassen und aus „Ruckawies“ „Ruckowitz“ gemacht.
Wenn der Sommer mal Pause macht…
…lohnt es sich, bis das Wetter vielleicht wieder besser wird, einen Blick in ein hochinteressantes Buch zu werfen und einen Fluss, nämlich die Vils, auf eine ganz neue Weise zu entdecken. Doris Seibold ist den insgesamt 110 Kilometer langen Flusslauf zu Fuß gegangen und hat aus dieser Reise einen beeindruckenden Bildband gemacht mit viele Fotos und Texten gemacht. Unter anderem verfolgt sie die Vils bis zur Quelle. Das ist eine doppelte Arbeit, denn die Vils hat zwei Quellen, nämlich die große und die kleine Vils. Auf dem Weg vom Ursprung zur Mündung in die Donau bei Vilshofen, kommt man an vielen bedeutenden Orten vorbei, wie zum Beispiel den Schlössern in Gerzen und Aham, die Carl Joseph Franz de Paula Hieronymus Graf von Montgelas (1759–1838) im Jahr 1833 erworben hat. In der Gruft von Schloss Aham ist der berühmte Staatsreformer zur Ruhe gebettet, der Bayern unter Maximilian I nach französischen Vorbild zu einem modernen Staat gemacht hat.
Doris Seibold: Vom Zauber der Vils. Meine Herzenswege von der Quelle bis zur Mündung, Aurisium-Verlag, 130 Seiten
Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Urwald_am_H%C3%B6llbachgspreng.JPG