Karl Reidels Skulpturengarten

Viele Menschen laufen jeden Tag durch Landshut. Sie halten Einkaufstaschen in den Händen oder eine Eistüte. Sie starren in die Schaufenster von Kaufhäusern und Reisebüros. Sie bleiben stehen, um miteinander zu plaudern. Sie alle begegnen auf ihren Wegen Brunnen, Standbildern, Denkmälern und Skulpturen, die Karl Reidel geschaffen hat. Aber sie gehen an ihnen vorbei, ohne sie zu sehen. Und es fällt nicht schwer, Karl Reidel zu übersehen. Seine Werke wollen nicht auffallen. Sie wollen nicht aus dem Stadtbild herausragen. Sie schreien nicht: „Seht her, wie schön ich bin!“ Sie begleiten das Stadtbild und das Leben der Menschen. Kein Künstler begleitet das Leben der Menschen dieser Stadt mit so einer Vielzahl und Vielfalt an Kunstwerken. Seine Kunstwerke bilden das Leben ab: Sie erinnern uns daran, dass wir die Welt mit anderen Geschöpfen teilen und nur eines von vielen sind; so wie der Vogelbaumbrunnen, der in der Nähe Berufsschule Landshut steht, oder der Franziskusbrunnen in Bad Griesbach. Seine Kunstwerke erzählen Geschichten, die eng mit unserer Heimat und deren Geschichte verbunden sind; beispielsweise der Schweigerengel neben der Rieder Brücke in Landshut. Karl Reidels Skulpturen sind Bilder des Menschseins: Sie erzählen von Liebe (Paar im Skulpturengarten in Obergangkofen), Partnerschaft, Gemeinschaft, Lebensfreude, aber auch vom Nebeneinanderherleben (Figurengruppe vor der Sparkasse Landshut), von Mühsal (Sisyphus im Skulpturengarten), Einsamkeit und Streit. Im Grunde wehren sich Karl Reidels Kunstwerke davor in ein Museum eingesperrt zu werden. Sie sind im Lebensraum der Menschen zu Hause, in vielen Gemeinden Bayerns. Aber ein kleines Museum hat sich Karl Reidel doch geschaffen: Den Skulpturengarten in Obergangkofen. Dieser Garten ist eines der schönsten Museen, das man sich vorstellen kann. Auch hier, wie in der Stadt, fügen sich die Skulpturen in ihr Umfeld ein. Sie sind Teil der Landschaft. Sie heben sich nicht von der Natur ab. Sie leben, so wie es der Mensch auch tun sollte – mit der Natur in Einklang. Anders als in einem Museum birgt jeder Wechsel der Jahreszeiten, ja jeder neue Tag, einen neuen Blick auf die mit der Natur verwachsenen Skulpturen.
Karl Reidel hat sich sein ganzes Leben immer und immer wieder mit der Darstellung bestimmter Themen beschäftigt. Und er hat, zum Beispiel für das Thema „Paar“, nach immer klareren, einfacheren Formen der Darstellung gesucht. Das Paar, dem wir im Skulpturengarten begegnen ist in seiner Darstellung ganz klar und einfach. Es ist der thematische Kern der Zweisamkeit, der gerade weil die Details, das Konkrete, wie die Haare, die Augen, die Mimik fehlen (anders als in Entwürfen zu dieser Skulptur, die in die 1950er Jahre zurückgehen) an Klarheit des Ausdrucks gewinnt.
Wer war die Hilfslehrerin?

„Da müsste der Onkel Ludwig drauf sein…! “ ‒ „…und die Tante Julie!“ Im Saal des Neuen Kirchenwirts in Julbach werden gerade Erinnerungen wach. Der Beamer wirft ein Gruppenfoto aus den 1950ern auf die Leinwand. Wolf-Dieter Hergeth von den „Burgfreunden zu Julbach“ steht am Laptop und zeigt Schätze aus der Vergangenheit: Fotos eben, wie das Gruppenbild, aber auch schriftliche Dokumente aus Privatarchiven und sogar Gegenstände, die etwas aus der Geschichte von Julbach, seinen Teilgemeinden und Weilern berichten können: einen Truhenschlüssel vom Anfang des 16. Jahrhunderts etwa, samt Beschreibung.
Was hier zu erleben ist, ist jedoch nicht der selten und widerwillig gewährte Blick in das eher geheime Archiv eines einsam vor sich hin sammelnden Privatforschers. Hergeth ist Teil eines Teams von Vereinsmitgliedern der Burgfreunde zu Julbach. Konrad Engleder und Eberhard Langer gehören ebenso dazu. Alles ist öffentlich, wohlaufbereitet und durchsuchbar auf einer Webseite einzusehen. Jedermann ist aufgerufen mitzuhelfen, neues Material zu erschließen und Informationen beizusteuern – zum Beispiel, wenn es darum geht, Onkel Ludwig und Tante Julie auf einem zufällig aufgetauchten Foto zu identifizieren. Aber auch, wenn er was zu der Lehnsmünze aus der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert beizutragen hat, gefunden am örtlichen Schlossberg oder zur 1906 gebauten Schule, deren Baupläne man in der „Topothek“ einsehen kann.

Lehnsmünze, Ende 11./Anfang 12. Jahrhundert, Silber, Durchmesser ca. 24mm, Avers: Engel im Innenkreis, Revers: Vorgang einer Belehnung. Gefunden am Schlossberg in Julbach (Foto freigegeben von der Topothek Julbach)
Damit ist das Stichwort gefallen: Topotheken gibt es seit einigen Jahren vor allem in Österreich. Die Idee dazu hatte Alexander Schatek, der zunächst mithilfe seiner Firma in Wiener Neustadt eigene Bestände, verschlagworten, datieren und verorten wollte. Bald übernahm der österreichische Verein ICARUS, der sich die Digitalisierung von Archiven zur Aufgabe gemacht hatte. Mit den Datenbanken matricula.net und monasterium.net hat der Verein nicht nur Amateur- und Familienforscher, sondern auch viele Profihistoriker glücklich gemacht. Die Topotheken machen nun Material sichtbar, das in privaten Zusammenhängen kaum auffindbar wäre. Einzelne Gemeinden, Vereine oder Unternehmen richten Topotheken ein. In Österreich geschieht das fast schon flächendeckend. Nun schwappt der Trend nach Bayern. In Niederbayern ist Julbach (neben Hauzenberg, Metten, Neustift bei Ortenburg, Stephansposching, Thyrnau und Waldkirchen) die siebte Gemeinde, die mitmacht.
Wer eine Topothek einrichten will, braucht nicht viel. Für die Gebühr zu Beginn und die jährliche Bereitstellung braucht man in der Regel eine engagierte an ihrer Geschichte interessierte Gemeindeverwaltung. Den wertvollsten Beitrag leisten aber – wie oft in der Kultur – Ehrenamtliche. Sie werden hier „Topothekare“ genannt, sammeln und motivieren ihre Mitbürger, Material einzureichen. Sie digitalisieren, verorten Motive und Fundorte auf einer Satellitenkarte, benennen und beschreiben, was zu sehen ist. Die Eingabe ist dabei so eingerichtet, dass man hierfür weder Historiker noch IT-Experte sein muss.
Und wenn die Topothekare nicht weiterwissen? Dann fragen sie einfach ihre Besucher. Dafür gibt es eine Rubrik mit großem Fragezeichen: „Ungeklärt“. Auf der Julbach-Topothek findet man zurzeit ein Klassenfoto aus den Jahren 1936/37. Den Lehrer konnte man bereits namentlich festmachen: Benno Hansbauer. Aber: Wer war die Hilfslehrerin? (auf dem Foto rechts mit einem Rahmen eingefasst). Sachdienliche Hinweise nehmen die Topothekare entgegen. Einfach auf „beantworten“ klicken!
Kontakt zur Topothek Julbach: topothek@burgfreundejulbach.de
Dr. Ludger Drost
100 Jahre Kraftwerk am Höllensteinsee – „ein kühnes Vorhaben“

Kurz nach der Gründung des Straubinger Elektrizitätswerkes 1901 setzte ein „Stromboom“ ein. Die Straubinger, Privatleute und Gewerbetreibende, erkannten bald die Vorzüge des einfach zu bedienenden und leistungsfähigen „Lichtstromes“ und „Kraftstromes“. Der Stromverbrauch stieg stetig an. Die gute finanzielle Lage des Elektrizitätswerkes, das seine Überschüsse in die Stadtkasse einspeiste, änderte sich mit dem Ersten Weltkrieg fast schlagartig. Die Brennstoffe, vor allem auch Kohle, wurden knapp und teuer. Die Produktionskosten des vom Elektrizitätswerk ausschließlich erzeugten „Wärmekraftstroms“ stiegen rasant an. Zudem waren die Dampfmaschinen im Straubinger Elektrizitätswerk bereits stark verbraucht. Gleichzeitig wuchs die Stromabgabe ständig an, steigerte sich von 555.000 KWh im Wirtschaftsjahr 1913/1914 auf 1.100.000 KWh 1922/1923.
Mit Aktien zum Bau
So griffen die „Städtischen Betriebe“ unter Direktor Paul Münch eine Idee aus der Vorkriegszeit wieder auf: Damals plante man in der Nähe von Kostenz am Obermühlbach ein Wasserkraftwerk zu errichten. Im Sommer 1923, mitten in der Hochinflationszeit, fällte der Stadtrat unter Vorsitz des Bürgermeisters Josef Maily dann eine einschneidende, eine „abenteuerliche“, eine umstrittene Entscheidung: Man wollte weg von der teuren Wärmekraft, hin zur kostengünstigeren Wasserkraft. Die Stadt Straubing gründete daher am 23. Juli 1923 zusammen mit der „Bayerischen Aktiengesellschaft für Energiewirtschaft Bamberg“ die „Kraftwerk am Höllenstein Aktiengesellschaft Straubing“ (HÖLLAG). Zweck des Unternehmens sollte „die Ausnützung der Wasserkraft des Schwarzen Regens zur Erzeugung elektrischen Stromes für die Versorgung der Stadt Straubing, des Kreises Niederbayern und von angrenzenden Bezirken der Oberpfalz mit elektrischer Energie sein“. Im November trat die „Ostbayerische Stromversorgung Aktiengesellschaft München“ (OSTROMAG, seit 1944 OBAG) als Mitgesellschafter ein.

Kraftwerk im Bau, 1925 (Stadtarchiv Straubing FS Hanns Rohrmayr 2230)
In völlig unerschlossenem Gebiet, erreichbar nur auf dem Wasserweg, errichtete die HÖLLAG, finanziert durch in- und ausländische Darlehen, von Oktober 1923 bis Januar 1926 ein zweigeteiltes Flusskraftwerk: „Rechts, angelehnt an den steil aufsteigenden Höllensteinfelsen, die Stauanlage als massive Talsperre zur Zusammenfassung des Gefälles, links das Maschinenhaus mit den Turbinen, Generatoren, Transformatoren und dem Sammelschienensystem“. Der Schwarze Regen wurde auf 5,6 Kilometer Länge gestaut; es entstand nicht nur der größte See des Bayerischen Waldes, sondern auch die damals größte Talsperre Bayerns, 74 Meter lang, 19,2 Meter hoch. Das Kraftwerk verfügte zwischen dem Berg Arber und dem Ort Viechtach über ein Niederschlags-Einzugsgebiet von 980 Quadratkilometer, mit einem Höhenunterschied von tausend Metern und einem Speichervolumen von 1,4 Millionen m3.

Kraftwerk im Bau, 28. Dezember 1925 (Stadtarchiv Straubing FS Hanns Rohrmayr 2329)
Am 14. Januar 1926 ging das Wasserkraftwerk Höllenstein in Betrieb. Drei Voith-Francis-Turbinen von je 1340 PS Leistung und drei Drehstrom-Schirmgeneratoren mit insgesamt 3650 KVA Leistung produzierten im ersten Jahr 7,8 Millionen KWh Strom, fast das Dreifache des Straubinger Strombedarfes. Über zwei Hochspannungsleitungen von 40 Kilometer Länge wurde der Drehstrom nach Straubing transportiert. Da das Straubinger Leitungsnetz auf Gleichstrom ausgerichtet war, waren im Elektrizitätswerk, das seine Wärmekrafterzeugung einstellte, Umformeraggregate nötig. So begann mit dem Einzug der Wasserkraft in Straubing auch die Umstellung des störanfälligen Gleichstromnetzes, bei dem bis zu 20 Prozent Übertragungs- und Verteilungsverluste auftreten konnten, auf Drehstromversorgung. Neue Baugebiete wie der Stadtteil Straubing-Süd wurden nun von Anfang an mit Drehstrom bedient.
Neuerungen und Investitionen
Der Zweite Weltkrieg und die „chaotische“ Zeit danach bedeuteten eine schwere Belastungsprobe für die Städtischen Betriebe. Das Stromnetz wurde nicht mehr genügend gewartet; die schweren Luftangriffe, vor allem am 18.April 1945, hatten viele Leitungen zerstört. Zudem musste der rasche Anstieg der Bevölkerung, bedingt durch die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen – Straubing zählte Ende 1945 36.000 Einwohner –, verkraftet werden. Im „Amtlichen Mitteilungsblatt für den Stadt- und Landkreis Straubing“ riefen die „Stadtwerke“ unter Leitung von Rudolf Rupprecht wiederholt zu Sparsamkeit auf, zum Beispiel am 1. Dezember 1945: „Aufklärung für Straubinger Stromverbraucher […] Da größere Sicherungen mit Rücksicht auf die Zerstörung der Kabel und Freileitungen nicht mehr eingesetzt und auch neue Speiseleitungen zur Zeit nicht verlegt werden können, werden sich die Stromausfälle nur dann verringern, wenn sich jede Haushaltung bemüht, ihren Verbrauch einzuschränken. Die vielen jetzt in Gebrauch befindlichen elektrischen Heiz- und Kochgeräte hängen sich wie Bleigewichte an unser sowieso den normalen Anforderungen kaum genügendes Gleichstromnetz.“

Turbinen im Kraftwerk, 1926 (Stadtarchiv Straubing FS Hanns Rohrmayr 2294)
Es war gerade dem eigenen Wasserkraftwerk zu verdanken, dass die Stromversorgung in Straubing nicht völlig zusammenbrach. Um die Ausbeute im Höllensteinkraftwerk effizienter zu machen, ging man vom reinen Laufwerk- auf Speicherbetrieb über, verbunden mit der Einführung einer Wetter- und Niederschlagsprognose. Zudem mussten Baumängel der 1920er Jahre, vor allem Schäden an den Betonmauern und an den Aluseilen der Hochspannungsleitungen, ausgemerzt werden. Jetzt erst und endlich erschloss man das Kraftwerk durch eine Straße.
1961 verkaufte die HÖLLAG ihre Hochspannungsleitungen an die OBAG (heute Bayernwerk Netz GmbH). Der Höllensteinstrom wird seitdem direkt in das Bayernwerk-Netz eingespeist, während die Stadtwerke dafür aus dessen Umspannwerken Strom entnehmen. Um die Leistungsfähigkeit des Höllensteinkraftwerks zu verbessern, wurde 1963 das Ausgleichswerk in Pulling mit dem Blaibacher Stausee eröffnet. Beide Werke zusammen deckten 1986 ein Siebtel des Strombedarfs Straubings, einer Stadt mit inzwischen knapp 42.000 Einwohnern und wachsenden Industrie- und Gewerbegebieten. Im Jahr 2024 waren es mit 13,5 Millionen KWh aus Höllenstein und sechs Millionen KWh aus Pulling (Mittelwerte) nur noch ca. sechs Prozent des Straubinger Stromverbrauches. Dies ist nicht nur auf den steigenden Verbrauch der inzwischen fast 50.000 Einwohner, sondern auch auf den Wandel der klimatischen Bedingungen zurückzuführen: Durch das Fehlen der Schneeschmelze und durch weniger Niederschläge verschlechtert sich die Wasserführung und damit die Stromgewinnung. Trotzdem ist das Höllensteinsteinkraftwerk ein wichtiger Baustein in der Energieversorgung Straubings, der durch die wasserrechtliche Genehmigung bis 2039 gesichert ist und von den Stadtwerken „gehegt und gepflegt“ wird. 2013 wurde z.B. eine Druckkammer-Fischschleuse mit energetischer Nutzung am Kraftwerk Höllenstein errichtet – hierfür erhielt das Kraftwerk auch den Bayerischen Energiepreis 2014. 2024 und 2025 wurden Turbinen renoviert.
Touristische Attraktion
Der Entschluss der Straubinger Stadtväter in einer wirtschaftlichen Krisenzeit ein eigenes Wasserkraftwerk zu errichten war mutig, ein „kühnes Vorhaben“, wie in den Quellen steht. Sie riskierten eine hohe Verschuldung, um billigeren Strom zu erzeugen – und haben damit, was heute von Bedeutung ist, für umweltfreundlichen Strom gesorgt. Das Höllensteinkraftwerk erwies sich damals übrigens auch als „Segen“ für die arme Region um Viechtach, die dank der Elektrifizierung einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Nicht zuletzt entstand eine „Tourismusattraktion“, wie 1938 in der Zeitschrift „Der Bayerwald“ gewürdigt wurde: „Der Bayerische Wald hat einen neuen Anziehungspunkt von hervorragender Schönheit erhalten: das Kraftwerk am Höllenstein mit seinem Stausee. Wer es gesehen hat, ist begeistert vom Bauwerk selbst wie im Besonderen von den landschaftlichen Schönheiten, die es erschlossen hat.“

Kraftwerk am Höllensteinsee, 2025 (Stadtwerke Straubing Foto Katharina Reiner)
Hieran hat sich bis heute nichts geändert: An diesem „schönen Fleckchen Erde“, wie der Geschäftsführer der Stadtwerke Straubing GmbH und Vorstand der HÖLLAG Günter Winter es nennt, laden die neu errichtete und im Frühjahr 2025 eröffnete Gaststätte „Höllensteinhaus“, ein Bootsverleih, Wanderwege und der ebenfalls erst 2025 eingeweihte „Höllensteinsteig“ zum Besuch und zur Erholung ein. Und im Jubiläumsjahr kann man dieser Gegend sogar im Kino begegnen: Der US-Film „The Weight“ mit den Schauspielstars Ethan Hawke und Russell Crowe, eine Goldgräbergeschichte aus den 1930er Jahren, spielt eigentlich in Oregon – gedreht wurde aber u.a. am Höllensteinsee im Bayerischen Wald!
Dorit-Maria Krenn
Information:
Die Stadtwerke Straubing GmbH veranstalten am 14. Juni 2026 einen Tag der offenen Tür.
Der Beruf des Baders in früherer Zeit

Ein scharfer Schmerz fährt durch den Kiefer, der Bader setzt die Zange an. Ein kurzer Ruck, dann ist der Zahn draußen. Solche Szenen gehörten in der Frühen Neuzeit zum Alltag in Dörfern und Städten. Wenn Menschen krank waren, sich verletzten oder unter Zahnschmerzen litten, wandten sie sich nicht zuerst an einen studierten Arzt, sondern an den Bader vor Ort. Krankheiten sind seit jeher Begleiter der menschlichen Existenz. Schon früh versuchten Menschen mit mehr oder weniger medizinischen Kenntnissen, Leiden zu lindern und Heilung zu ermöglichen. Im Laufe des Mittelalters bildeten sich daraus feste medizinische Berufe heraus: Ärzte, Apotheker, Hebammen und die Bader. Unter die Berufsbezeichnung „Bader“ fielen dabei nicht nur die Betreiber von Badestuben im engeren Sinn, sondern ebenso Barbiere und handwerklich ausgebildete Chirurgen.
Die Hauptaufgabe der Bader lag in der Behandlung äußerer Krankheiten und Verletzungen. Innere Leiden durften sie nicht therapieren. Dies blieb den akademisch ausgebildeten Ärzten vorbehalten. Zu den einfachen Tätigkeiten des Baders zählten das Rasieren, Haareschneiden, das Zubereiten von Bädern sowie äußerliche Heilmaßnahmen wie Aderlassen oder Schröpfen. Anspruchsvoller waren das Versorgen von Wunden, das Ziehen von Zähnen, die Behandlung von Eingeweidebrüchen oder Blasensteinen, das Einrichten und Schienen von Knochenbrüchen und Verrenkungen sowie schließlich auch Amputationen. Zur Unterstützung der Heilung und zur Linderung der Schmerzen verabreichten die Bader selbst hergestellte Wund- und Linderungstränke, was ihnen in begrenztem Rahmen erlaubt war. Wie andere handwerkliche Berufe auch erlernte man das Baderhandwerk im Rahmen einer Lehre. Im Mittelalter begann die Lehre meist im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, ab dem 16. Jahrhundert verschob sich der Eintritt in die Lehre auf etwa sechzehn bis achtzehn Jahre. Nach Abschluss der Lehrzeit folgte eine mehrjährige Wanderschaft. Den Abschluss bildete eine Meisterprüfung, die vor einem amtlichen Ärztekollegium in einer größeren Stadt abzulegen war.
Für die ländliche Bevölkerung stellten die Bader, nach der Selbstbehandlung innerhalb der Familie, die wichtigste medizinische Anlaufstelle dar. Akademisch ausgebildete Ärzte praktizierten fast ausschließlich in größeren Städten und Märkten. Statistische Erhebungen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigen, dass im Gebiet des später aufgelösten Rentamts Landshut, das etwa die Hälfte Niederbayerns sowie Teile Oberbayerns um Erding und Neumarkt-Sankt-Veit umfasste, rund 271 Bader auf 236.760 Einwohner kamen. Damit hatte ein Bader durchschnittlich etwa 874 Menschen zu versorgen. Vergleichbare Verhältnisse herrschten auch in anderen bayerischen Rentämtern: Im Rentamt Straubing, das große Teile des Bayerischen Waldes umfasste, betreute ein Bader im Schnitt 1.086 Einwohner. Seit dem Spätmittelalter gerieten die Bader zunehmend in Konkurrenz zu den städtischen Apotheken, da sie innerlich wirkende Arzneimittel herstellten. In Städten mit ansässigen Apothekern wurde ihnen die Arzneimittelabgabe daher nach und nach verboten. Zum Schutz ihres Berufsstandes durften Bader Handapotheken nur in Orten führen, in denen keine öffentlichen Apotheken bestanden. In Städten war es ihnen lediglich erlaubt, Pflaster, Salben, Kräuter, Wundtinkturen und Umschläge zur äußeren Behandlung bereitzuhalten. Besonders konfliktträchtig wurde die Situation, wenn ein Bader in der Bevölkerung hohes Ansehen genoss und Ärzten sowie Apothekern spürbare Konkurrenz machte. In Landshut etwa belieferte der Bader Johann Holzapfel im Jahr 1732 die städtischen Armenhäuser mit Arzneimitteln, sehr zum Missfallen des Apothekers Markus Funk. Die kurfürstliche Regierung sah sich wiederholt zum Eingreifen gezwungen und untersagte schließlich Holzapfel die Arzneimittelabgabe. Für Ärzte und Apotheker galten die als „Medizinalpfuscherei“ bezeichneten Tätigkeiten der Bader lange Zeit als Ärgernis. Trotz gesetzlicher Regelungen im 18. Jahrhundert ließ sich dieses Problem kaum eindämmen. Der Bedarf an medizinischer Versorgung war groß, während akademisch ausgebildete Ärzte nur in geringer Zahl zur Verfügung standen. Für viele Kranke blieb der Gang zum Bader daher die einzige realistische Möglichkeit. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich diese Situation grundlegend, als Medizinalreformen griffen und sich Ärzte und Apotheken flächendeckend verbreiteten.
Dr. Mario Tamme
Abbildung: Der Dorfbader beim Ziehen eines Zahnes. Gemäde von Adriaen van Ostade aus dem Jahr 1637 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adriaen_Van_Ostade_-_Barbier_de_village_arrachant_une_dent.jpg
Kulturpreis 2026 des Bezirks Niederbayern

Seit 2016 verleiht der Bezirk Niederbayern jährlich einen dotierten Kulturpreis an Personen und Institutionen, die sich um die Kultur in Niederbayern besonders verdient gemacht haben. Das Feld möglicher Auszeichnungsbereiche ist dabei groß: Es umfasst die bekannteren Sparten wie Musik, Literatur, Bildende und Darstellende Kunst ebenso wie die Bereiche Film, Heimatforschung und Museen. Auch die Traditionspflege wie Bräuche, Dialekt oder Handwerkskunst gehören zum weiten Kulturbegriff, ebenso Kulturarbeit wie Festivalorganisation, Kulturinitiativen und Clubs oder auch der Schutz und die Pflege von Kulturlandschaft. Um der Vielzahl möglicher Sparten realistische Chancen auf die Auszeichnung zu gewähren, hat der Bezirk Niederbayern die Vergabe des Preises neu aufgestellt: Ab diesem Jahr werden erstmals zwei Preise in unterschiedlichen Kategorien vergeben, zudem wechseln die Kategorien jährlich.
Für 2026 wurden die Kategorien „Heimatforschung” und „Darstellende Kunst” ausgewählt. Dafür können bis Ende März Bewerbungen eingereicht werden. Die Werke bzw. Tätigkeiten der eingereichten Vorschläge müssen dabei überregionale Strahlkraft haben. Vorschlagsberechtigt sind die Mitglieder des Bezirkstags von Niederbayern, Landrätinnen und Landräte der niederbayerischen Landkreise, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister niederbayerischer Städte und Gemeinden, Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister der niederbayerischen kreisfreien Städte sowie Kulturreferentinnen und -referenten niederbayerischer kommunaler Gebietskörperschaften vorschlagsberechtigt. Ebenso sind Eigenbewerbungen möglich.
Über ein Onlineformular unter https://www.bezirk-niederbayern.de/kultur/beratung-foerderung/kulturpreis können die Vorschläge übermittelt werden. Die Preisträgerinnen und Preisträger werden durch eine Fachjury unter Vorsitz von Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl ausgewählt und dem Kulturausschuss des Bezirkstags zur letztendlichen Entscheidung vorgelegt. Im Rahmen eines Festaktes im kommenden Herbst erfolgt die Verleihung der mit je 3.000 Euro dotierten Kulturpreise.
Foto: Skulptur Kulturpreis des Bezirks Niederbayern: Harry Zdera
Auf Spurensuche: Die Maultrommel

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts charakterisierte der in Deggendorf geborene Privatgelehrte Johannes Fressl in seiner instrumentenkundlichen Abhandlung Die Musik des baiwarischen Landvolkes vorzugsweise im Königreiche Baiern die Maultrommel als „alten Liebling des Landvolkes“1
Gerne würde man wissen, seit wann die von Fressl und anderen beschriebene Zuneigung zur Maultrommel tatsächlich nachweisbar ist. Ebenso stellt sich die Frage, ob das Instrument ausschließlich im bäuerlichen Milieu Bayerns verbreitet war. Diesen Fragen geht der vorliegende Beitrag nach. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die gesamte Geschichte der Maultrommel, sondern die Suche nach ihren frühesten Spuren in Bayern, insbesondere in Niederbayern.
Bevor diese historischen Zeugnisse näher betrachtet werden, sollen wichtige Merkmale des Instruments erläutert werden. Bei der sogenannten Bügelmaultrommel wird ein dünner Metallstab gebogen und die beiden Enden (Arme) mit sehr schmalem Abstand parallel ausgerichtet. Dazwischen liegt ein schmales und dünnes Metallblatt (Zunge/Lamelle), das am Bügel fixiert ist. Zum Spielen legt man die Bügelarme zwischen die oberen und unteren Schneidezähne und zupft mit dem Finger das am Ende der Zunge befindliche Häkchen.
Die erste Abbildung dient nicht nur der allgemeinen Veranschaulichung der Bauweise; sie ist zugleich ein Hinweis auf die weltweite Verbreitung der Maultrommel. Gezeigt werden Modelle der so genannten Bügelmaultrommel, die in Europa und im nördlichen und südlichen Teil von Asien beheimatet ist.

Abb. 1 (links oben) Bügelmaultrommel aus Österreich; (links Mitte und unten) Deutschland; (rechts oben) Nepal; (rechts unten) Indien. Foto: Wolfgang Braun
In Südostasien ist bis heute eine andere Form präsent, nämlich die Rahmenmaultrommel. Die Zunge schwingt hierbei in einem geschlossenen Rahmen, der häufig aus Bambus gefertigt ist. (Abb.2)

Abb. 2 Rahmenmaultrommel Angkuoch aus Bambus; Herkunft Kambodscha. Foto: Wolfgang Braun
Die durch die flexible Metall- (Bambus-) Zunge erzeugte Luftschwingung setzt sich physikalisch gesehen aus zahlreichen Teilschwingungen zusammen: In dem aus Mund-, Rachen- und Nasenraum gebildeten Vokaltrakt werden je nach dessen Formung bestimmte Teilschwingungen verstärkt, andere abgeschwächt (Resonanzvorgänge). Hierbei wirken Zungenlage, Lippenrundung, Kieferöffnung, Stellung des Gaumensegels und Verschluss oder Öffnung der Stimmritze zusammen. Das Ergebnis dieser physikalischen und physiologischen Vorgänge ist akustisch ein Klang, der sich aus einem Grundton und dessen Obertönen zusammensetzt, die für eine spezifische Klangfärbung sorgen. Auch wenn die Klangbildung sehr komplex ist, die Zusammenhänge erschließen sich unmittelbar im eigenen Erleben, denn die Abläufe ähneln dabei in hohem Maße der Artikulation beim Sprechen. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass beim Maultrommelspiel stimmlos artikuliert wird. Die für einen Klang erforderlichen Schwingungen stammen nicht mehr von den beiden Stimmbändern, sondern von der gezupften Zunge der Maultrommel. Alle Artikulationsbewegungen, die im Vokaltrakt möglich sind und dessen Form und Volumen ändern, lassen sich für die Klangbildung beim Maultrommelspiel nutzen. Es erleichtert sowohl das Verständnis als auch die Spielpraxis, sich dabei an der Lautbildung zu orientieren. Im Zentrum steht die Artikulation von Vokalen, einschl. der Umlaute und Diphthonge. Ebenso wichtig für die Klangfarbe ist die Wahl des „Registers“, womit die Öffnung oder Schließung bestimmter Resonanzräumen bei Mundatmung, Nasenatmung und Luftanhalten gemeint ist (offene/geschlossene Stimmritze, Senkung/Hebung Gaumensegel). Für besondere Klangeffekte sorgen zudem bestimmte Konsonant-Vokal-Verbindungen (mit d, j, k, l, n: da-da, u.ä.).
Im Unterschied zu den Stimmbändern und auch den gängigen Musikinstrumenten erzeugt die Maultrommel keine variablen Tonhöhen. Ihre Metallzunge schwingt stets mit der einen, konstruktionsbedingt festen Grundfrequenz; alle Klänge, mit welchen Färbungen auch immer, haben denselben Grundton. Dennoch ist das Melodiespiel auf der Maultrommel möglich. Dafür müssen durch sehr präzise Artikulation Obertöne mit unterschiedlicher Frequenz aus dem Klangspektrum des Grundtons verstärkt werden. Zwar klingt der Grundton wie ein Bordun ständig mit, aber die hervorgehobenen Obertöne können mit ihren unterschiedlichen Tonhöhen als Melodie aus dem Gesamtklang herausgehört werden. Neben der unvermeidlichen Koppelung von Melodieton und gleichbleibendem Grundton gibt es eine weitere Besonderheit beim Melodiespiel. Die zur Verfügung stehenden Obertöne bilden keine temperierte Tonreihe wie etwa eine diatonische oder chromatische Skala, sondern sind geordnet wie die Naturtonreihe, mit weiten Intervallen in den unteren Oktaven, und immer engeren in den höheren Oktaven. Die Maultrommel eignete sich deshalb nur mit erheblichen Einschränkungen für eine Verwendung in der Kunstmusik und Volksmusik mit deren starker Betonung der Dur-Moll-Tonalität ab dem 18. Jahrhundert.
Archäologische Funde belegen die erstmalige Verwendung von Maultrommeln in Europa zu Beginn der 13. Jahrhunderts.2 Es handelt sich um Bügelmaultrommeln aus Metall. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dienten Exemplare aus Asien als Vorlage für eine frühe heimische Produktion, die vermutlich an einigen (bis jetzt unbekannten) Orten zunftmäßig organisiert war.
Offensichtlich gewann das Spiel mit dem neuartigen Instrument, das über Messen, Jahrmärkte und fahrende Händler vertrieben wurde, sehr schnell an Beliebtheit; anders lässt sich die Vielzahl archäologischer Funde aus dem 13. und 14. Jahrhundert an den unterschiedlichsten und teilweise weit auseinanderliegenden Orten in Europa nicht erklären. Eines der frühesten sicher datierten Exemplare ist ein Fund in Lübeck aus der Zeit um 1200. Schriftliche oder bildliche Zeugnisse liegen aus dieser Zeit nicht vor.
Dass in Bayern das Maultrommelspiel schon seit Anfang des 14. Jahrhunderts verbreitet ist, wissen wir ebenfalls nur durch archäologisch nachgewiesene Funde. Insgesamt sind in Bayern 17 Fundstellen bekannt.3 Die frühesten Exemplare stammen von der Burg Sulzbach in der Oberpfalz (um 1300) und der Burg Mömbris im Spessart (Anfang 14. Jahrhundert). In Niederbayern fanden sich Maultrommeln bei Ausgrabungen in den Burgruinen Altnußberg (Gemeinde Geiersthal), Weißenstein (Stadt Regen) sowie auf der Veste Oberhaus in Passau.
Auf der Burg Altnußberg wurden in den Jahren von 1983 bis 1999 die Überreste der mittelalterlichen Anlage freigelegt, archäologisch erforscht und restauriert; dabei kamen zwei Maultrommeln aus dem 14./15. Jahrhundert ans Tageslicht.4
„Unter den Funden befand sich auch etliches an Spielzeug für die Kinder, aber auch für die Erwachsenen: Kleine Tonpuppen, Kinderrasseln, Drachenköpfe, Miniaturgefäße, Spielsteine und eine große Menge an Spielwürfeln. Zwei Maultrommeln, die ältesten Musikinstrumente des Bayerischen Waldes, waren ebenfalls unter den Funden … (S. 48) Die Burg Altnußberg, wie auch die anderen Burgen im weiten Land, dienten nicht nur zur Sicherung der Aufsichts- und der Verwaltungsarbeit und dem Schutz ihrer Bewohner in Kriegszeiten, sondern auch dem alltäglichen Leben der Menschen, der Männer, Frauen und Kinder... (S. 57) Auch im Mittelalter wollten sich die Kinder und auch die Erwachsenen in ihrer freien Zeit unterhalten … (S. 59).“

Abb. 3 Burg Altnußberg, Fotos: Franz Raith
Die Stadt Regen ließ in den Jahren 1997 und 1998 auf Burg Weißenstein Grabungsarbeiten durchführen. Diese förderten neben vielen Objekten der spätmittelalterlichen Alltagskultur eine Maultrommel und zwei Schellen (Gefäßrasseln) als Instrumente der Klangerzeugung zutage.5

Abb. 4 Burg Weißenstein, Foto: Elisabeth Vogl
Auf der Veste Oberhaus in Passau kamen zwei Exemplare aus dem 16./17. Jahrhundert zum Vorschein.6
Die Funde von Altnußberg, Weißenstein, Passau und den anderen Fundorten in Bayern sind bedeutsame Zeugnisse der spätmittelalterlichen Musikpraxis. Auch wenn die ausgegrabenen Objekte in ihrer ursprünglichen Funktionalität nicht wiederherstellbar und damit nicht mehr spielbar sind, lässt sich mit heutigen, vergleichbaren Maultrommeln der einstige Klang dieser Instrumente wieder annähernd hörbar machen. Die für das Maultrommelspiel wesentlichen Faktoren wie Bauart, Material, Größenverhältnisse und Klangerzeugung haben sich seit dem ersten Auftreten des Instruments in Europa nicht wesentlich verändert. In Abb. 5 werden den Fundstücken von Altnußberg, Weißenstein und Passau eine moderne Maultrommel mit ähnlicher Form und Größe gegenübergestellt. Die von Andreas Schlütter in Zella-Mehlis aus Neusilber gefertigte Maultrommel ist auf den Grundton G (G2) gestimmt.

Abb. 5 Moderne Maultrommel, Fertigung Andreas Schlütter, Zella-Mehlis, Foto: Wolfgang Braun
Welche Personen oder Personengruppen im Einzelnen Maultrommel gespielt haben, lässt sich allein auf Grundlage der archäologischen Funde nicht beantworten. Aus bildlichen und schriftlichen Quellen zur mittelalterlichen Musikpraxis wissen wir lediglich, dass das Instrument weder von den professionellen Musikern an herrschaftlichen Höfen, in kirchlichen und städtischen Diensten noch von fahrenden Spielleuten verwendet wurde. Angeboten auf Jahrmärkten und von Hausierern, war die Maultrommel jedoch für musikalische Laien eine leicht erlernbare, erschwingliche und unreglementierte Möglichkeit, Musik zu machen. Aufgrund der geringen Größe ließ sich das Instrument mühelos überallhin mitnehmen.
Die auf den drei niederbayerischen Burgen ausgegrabenen Artefakte gehören zu den ältesten überlieferten Musikinstrumenten in Bayern. Darin liegt ihre besondere kulturgeschichtliche Bedeutung. Diese ist umso höher einzuschätzen, als für die nachfolgenden Zeiträume bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Belege für die Verwendung der Maultrommel in der Alltagskultur Niederbayerns vorhanden sind. Man darf daraus zwar nicht den Schluss ziehen, dass sie nicht mehr gespielt worden wäre, aber offensichtlich gab es für Chronisten keinen Anlass, das Instrument und seine Spielweise zu erwähnen. Fest steht, dass die Maultrommel nicht zum Instrumentarium der niederbayerischen Musikanten gehörte, die bei öffentlichen Anlässen, wie Hochzeiten, Kirchweih, Tanzmusiken im Wirtshaus u.a. aufspielten. Dafür waren vor allem „laute“ Instrumente wie Geige, Klarinette, Horn, Hackbrett und Dudelsack geeignet.7
Dagegen „gewährt die Maultrommel ein mehr stilles Vergnügen“, wie Johannes Fressl in seiner schon erwähnten Instrumentenkunde anmerkte. Der Regensburger Musikethnologe Felix Hoerburger bezeichnete die Maultrommel als „Einzelgänger in der instrumentalen Volksmusik. Vielfach ist ihr Spiel introvertiert. Der Spieler spielt fast nur zu seiner eigenen Erbauung, um seine ‚Grillen zu verscheuchen‘, wie uns der italienische Name der Maultrommel ‚Scacciapensieri‘ sagt […] Der zarte Ton […] wirkt […] mehr nach innen als nach außen“.8 Generell kann man annehmen, dass ein auf diese Weise praktiziertes privates Musizieren zeitgenössischen Chronisten wenig Anlass zu einer Erwähnung bot und sich in vielen Fällen auch einer Beobachtung durch Außenstehende entzog.
Seit den 1830er Jahren nahm das Interesse für das stille und introvertierte Vergnügen deutlich ab, am Ende des Jahrhunderts war die Maultrommel völlig aus der Musikpraxis verschwunden. Auslöser war eine weit verbreitete Entwicklung, die mit Sicherheit auch Niederbayern erfasste. Um nochmals Hoerburger zu zitieren: „Die größere Reichhaltigkeit klanglicher Ausdrucksmöglichkeit mußte es mit sich bringen, daß die Mundharmonika an die Stelle der Maultrommel trat“.9
Vor diesem Hintergrund kommt den archäologischen Funden von Altnußberg, Weißenstein und Passau besondere Bedeutung zu. Auch wenn sie nichts darüber verraten, wie die Menschen vor Jahrhunderten wirklich auf der Maultrommel gespielt haben, zeigen sie auf authentische Weise ihre frühe Verbreitung im niederbayerischen Raum. Und sie bewahren die Erinnerung an das inzwischen fast vergessene Instrument.
Wolfgang Braun
Literatur
(1) Fressl, Johannes: Die Musik des baiwarischen Landvolkes vorzugsweise im Königreiche Baiern. Erster Teil: Instrumentalmusik. In: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte. Hrsg. Historischer Verein von Oberbayern, Band 45. 1888/89. S. 119
(2) Kolltveit, Gjermund: Jew’s Harps in European Archaeology. Oxford 2006.
Kolltveit, Gjermund: The jew’s harp in Western Europe: Trade, communication, and innovation, 1150–1500. In: Yearbook for Traditional Music, 41/2009, S. 42–61.
(3) Fundorte in Bayern (14.–17. Jahrhundert): Burgen Waldstein, Mömbris, Hauenstein, Bartenstein, Laudenbach, Castell, Treuchtlingen, Sulzbach, Adelburg, Altnußberg, Weißenstein, Passau, Eisenberg, Wittelsbach, Ehrharting. Dörfliches Umfeld: Lindelach, Wassertrüdingen.
Sulzbach: Hensch, Matthias: Burg Sulzbach in der Oberpfalz. Band 1: Text und Katalog. Büchenbach 2005. Maultrommel auf Tafel 205 / Abb. 12, S. 372, sowie S. 566.
Mömbris: Website des Archäologischen Spessartprojekts (ASP) e.V. – Unterfränkisches Institut für Kulturlandschaftsforschung an der Universität Würzburg. Spessartprojekt.de > Archäologie > Burg Mömbris > Funde > Eisen > Maultrommel. Detaillierte Informationen zu den Funden: Harald Rosmanitz: „Die Burg Mömbris – Funde“.
Zusammenstellung der Funde in Bayern nach Kolltveit (2006; s. Anm. 2) und ergänzenden eigenen Recherchen.
(4) Altnußberg: Sehrbrock, Günter: Altnußberg: eine Burganlage im Bayerischen Wald.
Verlag: Förderverein der Freunde und Gönner der Burgruine Altnußberg, 2001.
Abbildung (Zeichnung) einer gefundenen Maultrommel auf S. 53.
Zitate: S. 48, 57, 59.
(5) Website des Vereins „Freunde der Burganlage Weißenstein e.V“ im Abschnitt „Burg Weißenstein > Archäologie > Schink, Cornelia: Die Archäologie der Burganlage Weißenstein.
(6) Kolltveit (2006; s. Anm. 2), S. 200.
(7) Hartinger, Walter: Niederbayerische Musikanten im 18. Jahrhundert.
In: Bayer. Landesverein für Heimatpflege (Hrsg.): Gepflegtes und „Ungepflegtes“. Lebendige Volksmusik in Niederbayern. München 1993. S. 56 f.
(8), (9) Fressl (s. Anm. 1), S. 118 f.
Hoerburger, Felix: Musica vulgaris; Lebensgesetze der instrumentalen Volksmusik. Erlangen 1966.
Zitate: S. 99 und 103.
Heimat im Wandel – die neue Bilddatenbank des Bundes Naturschutz in Bayern

Mit dem Themenfeld der Kultur ist die Landschaft eng verbunden. Zumeist als Kulturlandschaft bezeichnet, obwohl ein weißer Schimmel, denn Landschaft ist ein menschengedachtes und -gemachtes Konstrukt. Das zeigt schon die Silbe -schaft: vom Menschen gemacht und geschaffen. Den Gegenpart zur Naturlandschaft, der gar nicht so leicht abzugrenzen ist, weil der menschliche Einfluss auf die ursprüngliche Landschaft oft nicht bekannt oder nicht mehr sichtbar ist.
Es geht dabei u.a. um das Bewahren, Pflegen und Weiterentwickeln der niederbayerischen Heimat. Um Erinnerung, um Schönheit und ökologische Funktionen, identitätsstiftende Kraft, Lebensstile und Ansprüche der Bewohnerinnen und Bewohner Niederbayerns, um Wirtschaft, Überlebenswillen und Wachstum, Zerstörung und Versiegelung, Verlust und Gewinn.
All das lässt sich an unseren niederbayerischen Kulturlandschaften ablesen und zeigen – vor allem aus der Luft betrachtet. Ob uns das Ergebnis gefällt oder nicht. Die Bildvergleiche von früheren und heutigen Landschaftsausschnitten können unser Bewusstsein dafür schärfen, zu Diskussionen herausfordern und zum Nachdenken anregen. Vielleicht auch zu einem Perspektivenwechsel und einem Engagement für die uns umgebende Kulturlandschaft, die wir so gerne als unsere Heimat bezeichnen.
Unter dem Titel „Bayern früher – heute“ hat der Bund Naturschutz in Bayern vor kurzem ein digitales Archiv ins Netz gestellt, das derartige vergleichende Bildpaare aus allen Regierungsbezirken zeigt. Dort heißt es in der Einführung: „So schaffen wir ein Fundament für die Erinnerung an frühere Landschaften, um das Verlorene deutlich zu machen. Aber auch um anzuspornen, die noch erhaltenen Idyllen zu erhalten und wieder Mut zu machen, Landschaft neu zu gestalten: […] Historische Bildaufnahmen vermitteln wie kaum ein zweites Medium Informationen über diese früheren, so schwer beschreibbaren Landschaftszustände“.
Die meisten Bilder stammen aus Oberbayern (642 Stück), die wenigsten aus Unterfranken (44 Stück). Für Niederbayern fällt trotz der Zahl von 209 Bildern auf, dass es riesige Lücken gibt – vor allem zwischen Landshut und Passau. Dieses Manko ließe sich aber etwa durch die Übernahme und Nutzung des sehr stattlichen Archivs des Luftbildarchäologen Klaus Leidorf aus Buch am Erlbach wunderbar schließen. Denn seit Jahrzehnten dokumentiert er den Wandel vom Agrarland zum von Gewerbe-, Siedlungs- und Infrastrukturgebieten geprägten Landschaften des Anthropozäns inmitten von nach wie vor reizvollen Erholungsgebieten und letzten Resten von ursprünglicher Natur.
Exemplarisch kann man das Potenzial von vergleichenden Lufdtbildern auf den hier publizierten beiden Bildern sehen: Noch bis ins Jahr 2015 prägten im Vordergrund nur die Autobahn zwischen München und Deggendorf mit der Zu- und Abfahrt Landshut-West und der diagonal verlaufende Strich, die Bahnlinie Richtung Passau, inmitten der vorwiegend kleinteilig landwirtschaftlichen Flurformen das Geschehen. Heute hat sich das schlagartig geändert. Jetzt dominieren maßstabssprengende riesige hektargroße Gewerbehallen und großflächige PV-Anlagen das Bild beiderseits der Bahnlinie. Und wir können uns ausmalen, dass es in unserer schnelllebigen Zeit sicher nicht dabei bleiben wird.
Weitere Informationen unter: https://www.bayern-frueher-heute.de/content/projekt.php
Helmut Wartner
Luftbilder: Klaus Leidorf
BLÜHEN

Ab dem 27. Februar zeigt die Artothek Niederbayern Arbeiten der Bildhauerin und Grafikerin Sabine Ackstaller. Die Ausstellung trägt den Titel BLÜHEN. Präsentiert werden überlebensgroße Blüten, die in leuchtenden Farben aus den Wänden zu wachsen scheinen. Daneben wird es weitere plastische Arbeiten zu sehen geben, die Frauenfiguren darstellen. Ergänzt werden die Skulpturen durch druckgrafische Blätter, die erneut das Blüten-Thema aufgreifen.
Die 1989 in Pfaffenhofen/Ilm geborene Künstlerin ist seit 2016 freischaffend tätig. Zunächst hat sie die Berufsfachschule für Holzbildhauerei in Berchtesgaden besucht, dann an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale sowie an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. Sabine Ackstaller lebt im niederbayerischen Kirchdorf.
Die Eröffnung der Ausstellung findet am 26. Februar um 18 Uhr in der Artothek Niederbayern statt. Es begrüßt Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl, die Einführung spricht Lea Heib von der Galerie kuk44 aus Pfaffenhofen an der Ilm. Die Galeristin hat die Arbeiten der Künstlerin bereits mehrfach präsentiert und kennt ihr Oeuvre gut.
Eine Anmeldung zur Vernissage ist nicht erforderlich.
1,25 Millionen Ziegel, 363 Stufen: Der Turm von Sankt Jakob in Straubing

Mit über 89 Metern ragt der Turm der Kirche St. Jakob in Straubing über die Stadt und den Gäuboden – als höchster Punkt dieser fruchtbaren niederbayerischen Gegend. Er prägt fast noch eindrucksvoller als das Wahrzeichen Straubings, der gotische Stadtturm, die Stadtsilhouette. Zugleich vermittelt er, beim Betrachten wie beim Besteigen, spannende Einblicke in die Stadtgeschichte.
Gotischer Bau und barocke Haube
Die Bürger Straubings begannen, unterstützt vom Augsburger Domkapitel, dem damaligen Grundherrn Straubings, um 1404/1408 mit dem Bau einer mächtigen Stadtkirche. Als Baumeister wird Meister Hans der Steinmetz aus Burghausen vermutet, der unter anderem auch St. Martin in Landshut plante. St. Jakob ist eine der größten und schönsten gotischen Backsteinkirchen Süddeutschlands, das für die spätmittelalterliche Architektur typisch und zugleich vorbildhaft ist. Die Kirche zeugt zudem von der blühenden Zeit des Herzogtums Bayern-Straubing-Holland, in die der Baubeginn fällt.

Kirche St. Jakob im Stadtmodell von Jakob Sandtner, 1568 (Kopie von 1883, Gäubodenmuseum Straubing)
In den Bauphasen der dreischiffigen Hallenkirche, vor allem auch ihres Turmes, spiegelt sich das Zeitgeschehen wider. 1423 war der Chorbau bereits abgeschlossen. Die Auseinandersetzungen mit den Hussiten, den Anhängern des Reformators Jan Hus, die von Böhmen her nach Niederbayern einfielen, sowie die politische Unsicherheit nach dem kinderlosen Tod Johanns III., des letzten Herzogs von Bayern-Straubing-Holland, unterbrachen oder verzögerten aber die Bauarbeiten. 1512 war das letzte Joch des Langhauses vollendet. Um diese Zeit war der Turm, um 1500 auf einem „nicht ganz ebenmäßigen“ quadratischen Grundriss begonnen, bis zu 10 Metern hoch aufgeführt. Er birgt im aus Natursteinen gemauerten Erdgeschoß die Vorhalle, den Haupteingang zur Kirche. Ziegelstein für Ziegelstein – produziert aus dem Lehm der nächsten und nahen Umgebung – wuchs der Turm mit seinen stützenden und schmückenden Strebepfeilern nach oben. Viereckige Löcher in den Wänden lassen den von innen erfolgten Gerüstbau erkennen. Für besondere Bauteile wie Gesimse, Fensterlaibungen oder die auf 26 Meter Höhe verlaufende Galerie wurden ebenfalls Natursteine verwendet, überwiegend Kalkstein aus der Kelheimer Gegend und Granit aus dem Bayerischen Wald. Auch die drei spätgotischen Heiligenfiguren auf den Pfeilern, Jakobus, Leonhardus und Petrus, verdanken ihre starke Verwitterung dem porösen Kalkstein.

Kirche St. Jakob (Foto Manfred Bernhard, Touristinfo Straubing)
Eingeritzte Jahreszahlen verkünden den weiteren, wenn auch langsamen Baufortschritt: „1516“ 20 Meter, „1529“ 26 Meter. Es dauerte 50 Jahre, bis in 48 Meter Höhe die nächste Zeitmarke „1579“ angebracht wurde. Während im Kirchenschiff selbst schon längst Gottesdienste gefeiert wurden, blieb der Turm unvollendet. Der Straubinger Drechslermeister Jakob Sandtner hielt 1568 in seinem berühmten Stadtmodell diesen Zustand fest.
Was war geschehen? Es war nicht nur der finanzielle Aderlass, den die Bürgerschaft 1536 durch den Kauf der Grundrechte ihres Gebietes zu verkraften hatte. Es waren vor allem die Reformationswirren, die den Weiterbau verzögert hatten. Straubing drohte eine protestantische Stadt zu werden, besonders die wohlhabenden und einflussreichen Bürgerkreise bekannten sich zu den Lehren des Reformators Martin Luther. Man ging nicht mehr zur Beichte und zur Kommunion, verspottete die Priester, las lutherische Bücher. Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 setzte der bayerische Herzog Albrecht V. den katholischen Glauben in seinem Land und in seiner „aufmüpfigen Stadt“ Straubing wieder durch. Er wies u.a. die Familien, die weiterhin am Protestantismus festhielten, aus der Stadt aus und verlegte das Chorherrenstift St. Tiburtius von Pfaffmünster nach Straubing. St. Jakob erhielt nun den Rang einer Stifts- und Pfarrkirche für die Neustadt und der heilige Tiburtius, ein römischer Märtyrer, wurde neben dem Apostel Jakobus dem Älteren zweiter Kirchen- und Stadtpatron.
Als der Turm weitergebaut wurde, ging man einfacher und sparsamer vor. So setzte man auf die viereckige Grundform in etwa 55 Meter Höhe, oberhalb des Glockenstuhls, ein achteckiges schmäleres Oktogon auf. Eine moderne, frühbarocke, „welsche“ Haube krönte schließlich den Turm. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Turm fertig. Nun war St. Jakob, wie der Kunsttopograf Michael Wening 1726 pries: „ein schön und prächtiges Gebäu, würdig Stüfft- und Pfarr-Kirch zu seyn; einer Haupt-Statt gantzwol anstehet“.
Brandkatastrophen und Restaurierungen
Am 13. September 1780 brach in einer Brauerei in der Fraunhoferstraße ein Feuer aus, das sich rasend schnell in das nordwestliche Stadtviertel ausbreitete. Auch die Turmspitze von St. Jakob fing Feuer, fiel auf das Kirchendach, zerstörte es. Die Glocken schmolzen. Wieder stand der Turm ohne Kopf da. Brandspuren zeugen im Turminnern immer noch von dem Unheil des „Großen Stadtbrands“. Unter Stadtbaumeister Ignaz Hirschstetter begann unverzüglich die Restaurierung. Das Kirchenschiff erhielt eine neue frühklassizistische Decke und der Turm einen neuen Abschluss. Hirschstetter setzte hierbei einen eigenen Akzent: Er entwarf eine 21,50 Meter hohe schlanke „birnenförmige“ Spitze mit einer größeren und einer kleinen Zwiebel – die Maße des Turms in seiner imponierenden Höhe entsprachen nun harmonisch der Länge des Gotteshauses. Darüber thront ein über fünf Meter hohes vergoldetes Kreuz als himmlisches Ausrufezeichen. Die Bürger nützten die Renovierung auch zum Einbau einer Uhr mit vier Zifferblättern und eines zweiten Glockenstuhls. Sieben neue Glocken des Straubinger Glockengießers Johann Florido riefen nun zu den Gottesdiensten. Löcher in den Böden, zum Teil noch mit Glaseinsätzen, für die Glockenseile zeugen von der früheren Praxis des händischen Glockenläutens. 1787 waren die Arbeiten beendet.
Fast hundert Jahre später, 1872, entgingen Turm und Kirche nur knapp einer erneuten Brandkatastrophe. Ein „fürchterlicher Blitzstrahl mit schnellem und kurzem Donner“ setzte den Turmdachstuhl – trotz Blitzableiters – in Brand. Mit Hilfe der Soldaten der Straubinger Garnison, die unermüdlich Wasser auf den Turm trugen, konnte eine völlige Zerstörung des Gebälks und eine Ausbreitung des Feuers verhindert werden. Der Zahn der Zeit, Verwitterung, Stürme machten immer wieder mal Ausbesserungen nötig, z. B. 1899 an den Natursteinen im unteren Turmteil.
Die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs überstand die Kirche St. Jakob – wie fast die gesamte historische Innenstadt – unbeschädigt. Sechs Glocken, bis auf die Totenglocke, aber mussten für Rüstungszwecke abgegeben werden. Sie überdauerten den Krieg auf dem „Hamburger Glockenfriedhof“ und kehrten nach Straubing zurück, St. Jakob hatte aber 1947/1949 bereits ein neues Geläut mit sieben Glocken der Thüringer Glockengießerei F. Schilling’s Söhne samt elektrischer Läuteanlage installiert. Zudem hatte man im Frühjahr 1948 das verfaulte Gebälk der Turmspitze ausgebessert und nach alter Tradition in die Blechbüchse des restaurierten Turmkreuzes zusammen mit Reliquien und Heiligenbildern eine Nachricht des Stadtpfarrers Rudolf Kracher eingeschlossen: „Vor drei Jahren ist der unglückselige Krieg 1939–1945 zu Ende gegangen. […] Die Bevölkerung leidet Hunger und Mangel an Kleidung und Wäsche. Die Sittlichkeit ist tief gesunken. Der Geldumlauf ist groß, aber Ware ist schwer erhältlich.“
Einen Schrecken erlebte 1986 der damalige Mesner der Kirche, der einen gewaltigen Knall aus dem Turm hörte – die Drähte, die die Uhrgewichte trugen, waren plötzlich gerissen. Da es keine Ersatzteile mehr gab, wurde der Betrieb der Uhr auf Funksignal umgestellt. Das 1880 eingebaute mechanische Uhrwerk aber ist bis heute im Turm zu sehen.

Uhrwerk der Regensburger Fa. Rauscher, eingebaut 1880, stillgelegt 1986 (Foto Dorit-Maria Krenn)
Bildete der Turm beim Bau der Kirche St. Jakob das Schlusslicht, so durfte er 1998 bei der bis 2016 dauernden Generalsanierung der Kirche St. Jakob den Startschuss geben. Man tauschte u.a. verwitterte und schadhafte Ziegelsteine aus, erneuerte den oberen Glockenstuhl und das Kupferblech der Turmhaube, restaurierte das Haubengebälk sowie das Turmkreuz. Der Abschluss wurde am 25. März 2001 feierlich mit der Erweiterung des Geläuts um drei Glocken gefeiert, geschaffen von der Karlsruher Firma Rudolf Perner, der „Bistumsglocke“, der „Europaglocke“ und der „Lebensglocke“.
„Wir wollen Eintracht nicht Streit“
Viele Arbeiter und Handwerker haben im Lauf der Jahrhunderte an diesem Turm mitgewirkt und ihre Spuren hinterlassen, wie z.B. Steinmetze und Zimmerleute ihre Zeichen oder Namen. Sie haben auch Botschaften versteckt – wie Hans Mayer, der bei der Instandsetzung der Turmspitze 1948 mit seiner Firma die Malerarbeiten ausführte. In der obersten kleinen Zwiebel fand sich ein Reagenzglas, in dem er auf einen Zettel nicht nur die verwendeten Materialien und Farben aufzählte, sondern auch ein – zeitlos gültiges – Gedicht anfügte:
„Vom Winde umweht und von Dohlen umschwirrt,
Schafften wir in luftigen Höhen.
Sogar ein Spatz hat zu uns sich verirrt,
Was gemacht wird da, wollte er sehen.
Tief unter uns lag die Stadt und das weite Land,
Unsere Arbeit ging munter voran.
Denn sie war bei uns, unseres Schöpfers Hand
Zu schützen so gut sie kann.
Wir bitten dich Vater, bleib immer bei uns;
Führ heraus uns aus dieser Zeit.
Laß Frieden wieder sein nicht Unvernunft,
Wir wollen Eintracht nicht Streit …“
363 Stufen, mal hölzern, mal steinern, führen verwinkelt in die Turmhaube. Werden auf 77 Meter Höhe die schweren alten Metallluken geöffnet, bietet sich ein herrlicher Blick auf die Donauebene, den Gäuboden, den vorderen Bayerischen Wald, die Stadt Straubing. Zurück „auf der Erde“ entlässt eine kleine Eisenpforte den Besucher in den Kirchenraum – und vielleicht hat der Turm ihm dann nicht nur Bewegung gebracht und Geschichte gelehrt, sondern auch einen Hauch Demut spüren lassen.
Dorit-Maria Krenn
Der Turm kann mit ehrenamtlichen Turmführern des Kirchenbaufördervereins für die Kirchen von St. Jakob Straubing e.V. in Gruppen bis zu zehn Personen bestiegen werden. Regelmäßige Führungen gibt es jeden ersten Samstag oder Sonntag im Monat sowie an den Tagen des Gäubodenvolksfestes. Informationen unter www.st-jakob-straubing.de und www.kirchenbau.st.-jakob-straubing bzw. Kath. Stadtpfarramt St. Jakob, Pfarrplatz 11a, 94315 Straubing, Tel.09421/12715. Führungen nach Vereinbarung: fuehrungen@st-jakob-straubing.de
Artothek zeigt Neuankäufe 2025 in einer Ausstellung

Vor kurzem begrüßte Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl zur Eröffnung der Ausstellung „Neuankäufe 2025“ in der Artothek Niederbayern. Die Ausstellungseröffnung stieß auf großes Interesse. Neben den beteiligten Kunstschaffenden waren zahlreiche Besucherinnen und Besucher anwesend, darunter viele, die bereits im vergangenen Jahr Werke aus der Artothek entliehen hatten und sich nun über die neuen Arbeiten informierten.
Grundlage der Ausstellung sind die Kunstankäufe des Bezirks Niederbayern aus dem Jahr 2025. Im Frühjahr hatte das Kulturreferat eine Fachjury einberufen, um neue Arbeiten für die Kunstsammlung des Bezirks und den Bestand der Artothek auszuwählen. Aus über 100 Bewerbungen wurden 14 Künstlerinnen und Künstler aus ganz Niederbayern ausgewählt, die anschließend in ihren Ateliers besucht wurden. Insgesamt erwarb der Bezirk 33 künstlerische Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Grafik, Fotografie und Skulptur.
Die Neuankäufe sind bis 6. Februar 2026 in den Räumen der Artothek zu sehen. Im Anschluss gehen sie in den Bestand der Artothek über und stehen dann zur Ausleihe zur Verfügung. Anette Röhr, Leiterin der Artothek Niederbayern, stellte im Rahmen der Vernissage die beteiligten Künstlerinnen und Künstler und die angekauften Arbeiten vor: Sabine Ackstaller, bankleer, Ursula Bolck-Jopp, Waltraud Danzig, Erich Gruber, Theo Hofmann, Marile Holzner, Robert Kaindl-Trätzl, Rut Kohn, Janna Riabowa, Iris Schaarschmidt, Susanne Sorg, Andrea Unterstraßer und Mona Zimen.
Bezirkstagsvizepräsident Dr. Thomas Pröckl verwies auf die positive Entwicklung der Artothek seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr. „Die große Nachfrage zeigt, dass das Konzept funktioniert. Kunst soll sichtbar und zugänglich sein. Zwei Drittel des Bestandes von 260 Kunstwerken sind verleihen“. Mit den regelmäßigen Ankäufen unterstütze der Bezirk gezielt Kunstschaffende aus der Region und bringe bildende Kunst näher zu den Menschen – ähnlich dem Konzept des Kulturmobils, das darstellende Kunst zu den Menschen bringt. „Entleiher von Kunstwerken befassen sich mit der Arbeit der Künstler. Oftmals sind direkte Ankäufe die Folge, was wiederum den Kunstschaffenden dient“, so Dr. Pröckl.
Die Artothek Niederbayern befindet sich auf dem Gelände des Bezirksklinikums Mainkofen – Haus D2, 94469 Deggendorf.
Geöffnet ist die Artothek immer freitags von 14 bis 18 Uhr. Die Ausstellung kann auch sonntags von 14 bis 17 Uhr besucht werden.